Wien schweigt.

Bachmann macht mich verrückt. Wien macht Bachmann verrückt.
Wien macht verrückt.
Diese Formbesessenheit. Pragmatische Präzision der Verspieltheit. Irgendwo gibt es auch einen Fluss, nicht weiter erwähnenswert. Natürliches wird erst stilisiert zu Schönheit.
Am Sonntag ersterben die Straßen.
Gestorben wird viel und gerne. „The only city that celebrates the deathdays of famous people“, wird gesagt. Gästelisten bei Beerdigungen sollen über sozialen Status entscheiden. Die Bedeutung der Bezirksnummern kann kein Stadviertelname ersetzen.
Seit wird in Wien groß und durchgehend geschrieben. Noch nie in solch kurzer Zeit so viel von Geld und Parkettböden sprechen hören. Wien führt sein Mundwerk aus.
Reflexion kennt kein Pardon (E. Gerstl). Programmatische Lesereihe. Vier Worte für vier Namen auf vier Karten. Ich bin „kein“. Alles lieber als „kein“. Im Selbstmitleid scheint Kein programmatisch zu sein.
Identitätssuche in Wien. Ich sitze im Kaffeehaus. Ich sitze im Hawelka, ich sitze im Sperl, ich finde am Morgen die Speisekarte von Café Prückel in meiner Tasche, ich trinke Wiener Melange, was sonst, ich mache Photos und kaufe Mozartkugeln, ich kann keinen Zucker mehr sehen und bestelle mir den dritten Apfelstrudel, ich wohne hier schon seit einer Ewigkeit, ich kenne hier schon seit Jahren jede Neuigkeit, ich sitze hier jeden Tag und bin furchtbar müde davon, hier jeden Tag zu sitzen und mich ins Gespräch vom Nebentisch einzumischen und den alternden Kellner mit Fliege sich in mein Gespräch einmischen zu lassen und nichts geschehen zu lassen, darüber zu reden, ich sage: die Amerikaner, ich frage:Was haben die Deutschen dazu gesagt? Entartet haben die gesagt, ich erwähne Freud, ich putze meine Pfeife und erzähle wie viel sie gekostet hat und seit wann ich sie besitze, ich bin in Wiener Gesellschaft,
ich schreie verzweifelt in die hintergrundlose Gesprächskulisse:„Seid doch einen Augenblick lang ruhig und denkt mal nach“.
Ich lächle, nicke und kann das zuhören nicht abstellen.
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Die Stadt hat sich an der Elbe breit gemacht, verdrängt Geschichte. Und wir erinnern uns wieder, was nicht oft zusammenkommt. Wir waren im selben Übersiedlungsheim und in solchen Erinnerungen kann man selten schwelgen. Ich war zwei Mal in der ersten Klasse, N. zwei Mal in der dritten, unsere Geschwister lernten währenddessen in Hauptschulen interkulturell Fluchen. Deutsch lernen mussten wir alle. N. erinnert sich an eine Familie, in der die Eltern ihre Kinder jedes Mal geschlagen haben, wenn diese russisch sprachen. N. erinnert sich an Omas, die Schälchen von Pralinenverpackungen, Margarinedosen und Plastiktüten ausspülen und aufheben. N. erinnert sich daran, wie sie sich gewundert hätten, was das wohl für eine große Stadt sein müsse, wenn alle Straßen hinführten: Ausfahrt.
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Das neue Radisson-Hotel. Gegenüber der flutlichtuntermalte Augustusplatz mit Springbrunnen. Das Gewandhaus. Die Oper. Dahinter die Kommunalen Wasserwerke. Seitlich der ADAC-Club mit eingeschlagenen Fensterscheiben.
Ein Besucher Leipzigs äußerte noch während der Entstehung Zweifel darüber, dass das Radisson auch Besucher haben wird.
Das neugebaute Radisson-Hotel. Mit Glasfassade. Zeitgemäß modern. Stilvoll funktional.
Davor ein Reisebus. Eine Gruppe Senioren aus dem fernen Warendorf wird ausgeladen. Die männlichen Gäste haben Filzhüte, die weiblichen mit Blumenmotiven bestickte Hosen. Konfrontiert mit so groß angelegter Taktverfehlung stehen sie ratlos vor dem Bus, drehen die Köpfe, rollen langsam die aufgetürmten Koffer zur dezent-herbstlich dekorierten Karusselldrehtür. Ein Koffer bleibt zusammen mit dem Arm eines Herren im Eingang des Radisson-Hotels. Die Frau des Herrn eilt zur Hilfe. Von beiden Seiten kämpfen sie gegen die klemmende Trennwand, stemmen sich dagegen, krallen sich in den Rahmen.
Eine Menschentraube bildet sich davor, drängt in die nun zaghaft-stockend weiterrotierenden Türflügel. Diejenigen, die durchgekommen sind, stehen verloren im nach einer fernöstlichen Philosophie gestalteten Foyer. Edle Blumen in eleganten Vasen zieren die Bars und Lounges, farblich abgestimmt und stimmungsvoll beleuchtet. Nicht mehr lange und die Gesellschaft wird unten hilflos in den Ledersesseln einsacken, befremdlich ihr Begrüßungsaperitiv betrachten, fasziniert die geometrisch präzise platzierten Vasen an ihren Designertischchen verrücken und im gesamten Hotel scharenweise die Blumen befingern. Wie bereits die Gruppe vor ihnen.
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