massen und bewegung

Bei Höchstwerten von 17 Grad drängen sich Weihnachtsmarktstände an Menschenmassen vobei. Auf deutschen Radiosendern wird wieder zum Spenden aufgerufen. Jeder Anruf kommt der Finanzierung eines Kinderhauses zugute.
Bei „Echo Moskwy“ beantwortet der Chefredakteur von „Kommersant“ Fragen zur Erzeihung seiner Kinder, an der er offenbar nicht sonderlich mitgewirkt hat.
Wie sein Sohn mit zwölf 14.000 Dollar von ihm wollte, wie er ihn einst nach dessen ersten Arbeitstag aus seiner Redaktion gefeuert hat, wie seine elfjährige Tochter auf Capri in allen Boutiquen aufgrund ihrer Einkäufe bekannt war. Zuhörer rufen an.
„смерть неграм“ (Tod den Negern), sagt eine Männerstimme und legt auf. Die Äußerung wiederholt sich, unterbrochen von anderen Anrufern, zieht sich durch das gesamte Sendeprogramm.
„Wem?“, fragt die erstaunte Moderatorin einer späteren Sendung . Nach einer kurzen Pause verbessert sich der Anrufende:
„жидам“ (Juden). Und legt auf.

weg und reise

Das erste deutsche Wort meines Mitfahrers war „Erfahrung“. Von ihm erfahre ich auch, dass die Arbeitslosenzahl in Deutschland lediglich steigt, weil Deutsche jetzt ein bisschen mehr Kinder als früher kriegen.
Beim Lernen sollte man nicht nach Sinn suchen.
Im Notizblock sind Schulbuchzitate, wie:
„Weinkenner hält Himbeersaft für Rotwein“ (Mathe),
und aufschlussreiche Dialoge:

Jane: Guten Abend mein Herr. Wie ist Ihr Name, bitte?
Sam: Ich heiße Smith, Mr. Smith.
Jane: Danke, Mr. Smith.
Sam: Wie heißen Sie?
Jane: Jane, ich heiße Jane.
Sam: Ach, ja, Jane. Ich heiße Sam.
Jane: Danke, Mr. Smith.

In meinem ukrainischen Sprachführer von 1976 findet sich alles, was bei einem organisierten und überwachten Ausgang in die DDR hätte nötig sein können. Von den „Gesetzen der Thälmann-Pioniere“ bis hin zu den „Erfolgen der sowjetischen Wissenschaft und Technik“ erstreckt sich über 200 Seiten lang der ukrainisch-deutsche Wortschatz über Gelöbnis, Verteidigung der Heimat, Meldung erstatten und Freundschaftsratvorsitzende.
Vielleicht nicht zufällig, dass im ganzen Buch, nach langem Suchen und an unwesentlicher Stelle, nur einmal die Übersetzung von „warum“ vorkommt. Der Sozialismus muss ein Lernprozess sein.

gewohnheit

Jede Woche ist Schwimmtreff. Jeden Montag. Jeden Montag dieselben Personen. Jeden Montag kommt eine Studentin, die sich jedes Mal unterhält. Den Unterschied machen die Gesprächspartner aus. Jedes Mal findet sich jemand, mit dem sie auf dasselbe Thema zu sprechen kommt. Jedes Mal spricht sie über Russland. Sie beginnt mit ihrer Suche nach einem russischen Tandem-Partner, ihren Schwierigkeiten in der russischen Sprache und geht über zu ihrem einjährigen Auslandsaufenthalt in Russland. Oder in Umgekehrter Reihenfolge. Da ihr Russlandbesuch vor zwei Jahren war, ist anzunehmen, dass sie seit zwei Jahren regelmäßig darauf zu sprechen kommt. Sollte sie an einem Montag verhindert sein, kann ich mittlerweile für ihre Geschichte einspringen und mit unbekannten Gesprächspartnern unvermittelt auf Russland zu sprechen kommen. Undsoweiter.

ein großes

Arvo Pärt. 24 Präludien zu einer Fuge auf dem Dokfestival.
Du verbindest die Musik Pärts immer mit einer großen Katastrophe, mit einer tiefen menschlichen Tragödie – sie setzt da an, wo man ohnmächtig und sprachlos wird.
Du erwartest, dass er zumindest über die Welt spricht und er spricht bedächtig von kleinen roten Ecken, von Fotobildern und Tomaten.
Arvo Pärt überklebt Notenlinien. Arvo Pärt trinkt Tee. Arvo Pärt riecht an Holz. Arvo Pärt liegt im Hotelbett und diskutiert mit seiner Frau über Partiturstimmen. Arvo Pärt bittet Orchestermusiker um eine Unterschrift, rollt das Poster zusammen und schaut durch das Rohr in die Kamera. Arvo Pärt wohnt in Berlin, wird in vielen Ländern aufgeführt und sitzt vor einer estnischen Hütte, das erste Mal nach 13 Jahren Exil. Nichts weltbewegendes. Baumblätter bewegen sich. Bewegt tief.
Arvo Pärt lauscht dem Grashalm, hört den Regentropfen heraus, weiß wie man hört. Arvo Pärt hört tief in seinen Bart hinein. Jeden Ton. Jeder Ton wird erhoben. Jeder einzelne. Jedes Geräusch.