zeremonien

Diskretionsabstände sind relativ.
Die Blondine vor mir breitet ihre Jacke über die Stuhllehne und macht es sich am Serviceschalter des Bürgeramtes bequem. Sie holt einen Ordner aus den Tiefen ihrer Tasche und fängt an unter permanentem Redeschwall die Klarsichtfolien durchzublättern, ihre Haare zurückzuwerfen und unerwartet zu grinsen. Sie spielt dem auf den Computermonitor starrenden Beamten vor, wie ein Bekannter sich mal mit dem Führerschein ausgewiesen hat. „Aha, ja“, sagt der Beamte an unangebrachter Stelle. Sie kramt nach ihrem Perso, streicht über ihre Dokumentenmappe und Strähnchen hinter die Ohren. Sie Sie nimmt einige Blätter heraus, schaut sie an, blättert um, schaut sich andere Blätter an, streicht über die Mappe, lächelt, überlegt laut, welche Dokumente sie kopieren sollte. Der Beamte macht Kopien. Der Beamte legt den Kopienstapel mit der Vorderseite nach oben, während die junge Frau die Originaldokumente wieder in den Ordner legt und über die Folien streicht. Der Beamte dreht die erste Kopie um und prüft die Vorderseite. Dann presst er einen Stempel auf die Mitte der Rückseite. Dann setzt er ein Datum auf eine vorgezeichnete Linie des Stempels. Dann presst der Beamte einen weiteren schmalen Stempel in den rechten unteren Rand des rechteckigen Stempels in der Mitte. Dann schreibt der Beamte drüber. dann stempelt er mit einem noch schmaleren Stempel. Dann setzt er fein säuberlich seine Unterschrift in das vorgezeichnete Kästchen. Dann presst er den runden „Freistaat Bayern“-Stempel in das Stempelkissen und anschließend auf den Linken Rand des ersten Stempels. Er wendet die Kopie und legt sie beiseite, während die blonde Frau konzentriert nach der besten Möglichkeit sucht, die Kopie in ihrem Ordner unterzubringen.
Der Beamte dreht die zweite Kopie um und prüft die Vorderseite. Dann presst er einen Stempel auf die Mitte der Rückseite. Da Capo al Fine. Sieben Mal. Beide mit ritueller Präzision.
Eigentlich geht es um einige beglaubigte Kopien von Arbeitszeugnissen, aber dafür dauert es zu lange.
Auf dem Rückweg stauen sich die Heiligen 150 Könige um einen Kinderpunsch-Stand.

nicht nur fest

was wenn man nach hause kommt und da wohnt jemand anderes. vertrauter und wohnlicher wirkt es jetzt. ganz nach hause sind es etwa 1391 km luftlinie. für zurückgelegte wege gibt es solche berechnungen.
bamberg – bochum. ich kreise um alte hausnummern.
in düsseldorf kreist bacon mit einem weinglas um seine bilder und seine wenigen vertrauten und macht bewusst, wie schwer schaffen ist.
im studentenwohnheim von münster werden hinweisschilder in chinesisch, englisch und deutsch aufgehängt und koreaner sind ein jahr älter, weil das leben schon vor der geburt anfängt.
glen gould redet davon, dass sich der zuhörer das tempo beim abspielen einer aufnahme selbst aussuchen sollte und im dortmunder wald ey, die scheißouvertüre von wagner, mann, alter und eine improvisierte oper für den pc.
bahnen verbinden zwischen dem längsten tresen und der lebenswertesten stadt zu auseinanderdriftenden familien. alles fährt.
vier junge türkern reden mit zwei punks über nazis. dann erzählt ein punk wie viel seine klamotten gekostet haben und wie er seine hosen getuned hat. sie trinken bier. ich höre modern talking aus den kopfhörern eines pubertierenden in skaterschuhen. er trinkt apfelshorle. alle essen.
an jeder station gibt es Ihr Platz und viel döner. wird zu unserem platz. was gibt es denn sonst an weihnachten in deutschland.

wie überall

Man sollte nicht vergessen beispiellos zu sein.
Nürnberg führt in einen ausgesprochen angesagten Club. Alle angesagten Clubs haben Zahlen im Namen und eine große Zahl an Türstehern vor einem roten Teppich. Eine große Frau in Headset und Schwarz behält vor dem Einlass die Kontrolle über den öden herbstlichen Schlaf der Innenstadt. Der Eintrittspreis im eng vibrierenden Flur verrät schon, dass man sich gleich sehr angesagt fühlen wird. Man strömt mit dem Strom von Beats, Bass und Flashs und feiert gemeinsam die Verwirklichung sämtlicher in der Bahnhofsbuchhandlung vorhandener Lifestyle-Magazine. Keiner ohne mindestens einen Diamantohrring. Horden von Homeboys mit gleichen Lederbändchen um den Hals klammern sich gegenseitig an den Schultern und rauchen Zigarre. Während neben mir ein junger Herr einen großzügigen Schluck aus seiner Absolut-Flasche nimmt und zur Musik nickt, sagt vielleicht auf der Tanzfläche der großgewachsene Mann in Mütze zum siebenten Mal heute Abend: „Ich möchte dich mit nach Hause nehmen.“ Wir gehen früher. Noch nie habe ich mich starrend so unbemerkt gemacht.
In monoton-betrunkenem Tonfall der Straßenbahn einer anderen Heimfahrt telefoniert ein Jugendlicher neben seiner weinenden Wegbegleiterin. „Bitch, hör mir zu. Bitch. Bitch. Bi-i-tch. Sei mal ruhig. Hör mir doch zu, Bitch“, in sämtlichen Variationen.
Aber Bitch, der an diesem Abend seine Freundin – das unglückliche Mädchen – versetzt hat, legt auf.

zeiten

„Atmosphera!“ ruft die junge Italienerin mit der Flasche Paulanerbier euphorisch. Die Atmosphäre hängt in Form der Frauenkirche über verschlingenden Kopfmassen. Es ist Freitag, 11 Uhr. Es ist übermäßig laut, übertrieben warm und überschätzt eng. Es könnte das Oktoberfest im September sein. München riecht nach Essen und gibt sich zwanghaft gemütlich. Auf den Toiletten verkaufen Automaten kaubare Zahnbürsten.
Auf dem Nebentisch, beim Inder mit bayrischem Dialekt, liegt das Buch „Beten mit Engeln“. Das vertraute Gespräch des Paares hört sich nach einer Überdosis autogenen Trainings an. Der transzendent-logische Gedankengang in der vierten Dimension wird jäh von der Frage nach der ISBN-Nummer durchbrochen. Das kommt später. Oder in anderen Zeitzonen.
Und davor werden auf der Vernissage Bilder gekauft. Auch von einem Ehepaar, das davor schon über 60 Jahre lang verheiratet war. Und der Ehemann konnte nach dem zweiten Weltkrieg nur Jiddisch und davor waren beide im KZ. „In ganz Europa“, sagt jemand.
Und davor hat ihr Vater im 1. Weltkrieg gekämpft.
Sie ist in Leipzig zur Schule gegangen und nie mehr zurückgekehrt, weil es dort Erinnerungen gibt. Und in Israel gibt es eine fremde Sprache und Palmen. Ein schlechtes Gefühl hat sie dabei, hier zu leben. Aber ändern lässt sich das nicht.
Was kann man tun. Was kann man anderes tun, als in die Hocke gehen, am Stuhl der Ungebeugten. Und sich die Fotos anschauen, vom Sohn – über zwei Meter, guter Junge – nach dem „Ist die noch zu haben?“ mit jiddischem Akzent, quer durch den Raum. Und hören und fragen und hören.

münchen

wichtigstes

In die warmlaufende Adventsstimmung quetscht sich der Welt-AIDS-Tag hinein.
Eigentlich hätte es ein Film über AIDS in der Ukraine werden sollen und wird ein Film über Gewalt, Armut. Drogensucht, über Verslust und Mangel. In Strafkolonien werden Menschen verstümmelt und Häflinge zu Leitern und Peinigern über andere ernannt. Was die Aufseher wohl davon hätten, wundert sich eine Zuschauerin.
Ich höre, dass an öffentliche Toiletten blaues Licht installiert wird, damit Fixer ihre Vene nicht finden. Friedlich-blau leuchtet es aus den Fenstern der abendlichen Uniklinik.
Kliniken sind eine Manifestation der menschlichen Tragödie. Das fängt beim Warten an. Zwei Morgenwochen in Wartezimmern.
Eine überfüllte Gemeinschaftspoliklinik, undurchdringliche Zweigstellen der Universitätsklinik, eine esoterische Praxis für Allgemeinmedizin mit angelehnten Hintertüren, unergründlichen Behandlungsräumen und unzähligen Spiegeln.
Vom neuen ins alte Gebäude, hüpfen Sie über den Garten, laufen durch den Innenhof, vorbei an einem Parkplatz, überqueren die Straße, stadteinwärts, ein rotes, rosanes, gläsernes Backsteingebäude, Ins Tor, das aussieht, wie eine Einfahrt und auch eine ist, Treppengang links, zweiter Stock, mit Überweisung, aber nicht bei uns, wir nehmen keine neuen mehr, nicht dieses Jahr, es sei denn privat. Hier sind Sie falsch, das ist die Sprechstunde für Tumorgeschwüre, nichts für Sie – oder doch? Hoffentlich müssen Sie nicht wieder auf diese Station, und wenn doch, wissen Sie ja, wo sie ist. Sie wollen ja wahrscheinlich, dass es später so aussieht wie ein Gesicht. Verstehste, was ich meine? Ja, Sie sind ja ein kluges Mädchen. Wie – Sie wollen keine Grippeimpfung! Das ist typisch Westen. Mir ist es ja egal, aber deswegen sterben in Westdeutschland jedes Jahr mehr Menschen. Sie gehen bestimmt noch zur Schule.
Die gleichaltrige Praktikantin aus der Zahnmedizin findet, dass russisch bestimmt sauschwer ist. Patientengespräch wird abgehakt. Wie schafft man es, um 8 Uhr zu riechen, wie ein frisch bezogenes Hotelbett. Hinter meinem Lehnenrücken wird Susis praktische und theoretische Kompetenz besprochen, gelegentlich unterbrochen von „der Doktor kommt gleich“. Susi muss blond sein, Zahnschmuck haben und frisch bezogen riechen. Vielleicht aber auch nicht – sie hat wenig Praxiserfahrung. Der Doktor prüft die Dokumentation. Irgendwas an mir gehört in eine andere Spalte. Der Doktor hakt ab und geht. Ich gehe. Obdachlose gehen zur Uni, sitzen mit Bierdosen neben mir. Ich träume von einem Fahrrad, dass ich nicht mehr besitze und weiß spätestens jetzt, wie gesund ich bin.