einstellungsfragen

dresden hätte grün-graue augen, könnte es blicken, dann in die zukunft. könnte es reden, dann von befürchtung und beklemmung. schneeverwehtes dresden würde gerne auf italienisch machen, oder rückgängig, oder wirklich ungefallen sein.
oder war ich das.
ich bin nun seit fast 15 jahren in deutschland. was meine pläne für danach seien, ob ich wieder zurück wolle, wird gefragt. wie jetzt.
„Ich habe noch nie so viel kotzen sehen!“,
berichtet mein nachbar während des essens über das größte bierfest der welt in china. dann schirmt er mit einer hand seinen mund ab und puhlt mit der anderen zwischen den zähnen.
dresden

blockiert

wenn vögel das zeitgefühl verlieren, fällt kreativität ins koma, muss es so sein.
beim laufen um den block bleibt es wirklich nur einer. innerhalb mehrerer wochen wird immer wieder dieselbe e-mail neu verfasst. zwei tage für das beantworten einer sms. substantielle äußerungen beschränken sich auf wiedergabe von zeitungsartikeln und einkaufszetteln. wendungen wie stahlanbau lassen sich unerwartet im wortschatz nachweisen. zahlen bis auf die letzte kommastelle und pedantisch genaue stockwerkangabe, aus dessen fenster claptons sohn gefallen ist.
und ein kurzer moment, ein augenblickliches ernsthaftes inbetrachtziehen, tatsächlich ein gedicht über die menschen zu schreiben, die dieses jahr in sibirien nicht erfrieren müssen.

üblich

so: fängt keine geschichte an.
warum abstände und rhythmen brechen.
warum fragen und doppelpunkte in deutscher schriftsprache selten sind und das verb völlern noch nicht existiert.
warum es erleichternd sein kann, wenn etwas nicht klappt und es noch einmal versuchen wollen sich gut anfühlt.
warum zierliche rentnerinnen am zebrastreifen rempeln und es mit „pass doch auf du blödes schwein“ kommentieren oder taxifahrer die straße blockieren und beobachtet vom kunden „du bumme kuh, das ist eine einbahnstraße. dämliche zicke!“ aus dem fenster schreien.
warum denn gleich so persönlich werden.
und warum man so etwas nicht einfach vergisst.

erblich

Warum uns Ausgerechnet ausgerechnet häufig recht kommt und vermeintlich Ungerechtes beschwören lässt. Ausgerechnet wenn es nicht passt.
Nach einem russischen Aberglauben soll man in den Spiegel schauen, wenn man nach dem hinausgehen noch einmal ins Haus zurückkehren muss. sonst bringt es Unglück. Aber man ist ja prinzipiell nicht abergläubisch und übergeht mit rituell bewusster Sorgfalt alle überlieferten Anleitungen gegen Missgeschick. Man schaut nicht in den Spiegel, während man den vergessenen Fahrradschlüssel holt und noch in der Ausfahrt hat das Rad eine Panne, sodass man keine andere Wahl hat, als noch einmal – diesmal ölverschmiert – zurückzukehren und diesmal in den Spiegel zu schauen. Womit sich ausgerechnet Aberglaube wohl erklären lässt.

hat neues jahr eine pluralform?
berlin kommt mit einer stunde verspätung, drängt uns zu fünft in einen klappernden jetta und hält an der sonnenalle. die beifahrerin trinkt kaffee, dann sekt, dann kola. es riecht nach schokolade. sie wirft dem fahrer gelegentlich blicke zu, legt ihren kopf auf seine schulter und vertraut ihm etwas an, während die erasmus-studentin links neben mir hineingequetscht über osteuropa referiert. „litauer sind überall“ sagt sie stolz und zeigt mir ihre fäustlinge mit nationalem muster. identifiziere zwar keiner, aber warm halten sie auch noch.
der fahrkartenautomat will meinen geldschein nicht und schenkt mir noch einen. freie fahrt in den westen.
berlin ist wendevoll silvestrich. man sollte mit der u-bahn von berlin aus ins neue jahr fahren.
berlin