zuhause

Señora Lidia Olivia mit glitzernden Mantelknopfohrringen im babyblauen Nachthemd und Lockenwicklern um die kurzen braungefärbten Haare. Kleine füllige Señora Olivia mit Sonnenlederhaut, Rasselstimme und Schüttelhänden. Ab sechs Uhr morgens kann man sie artikulieren hören. Señora Olivia mit immerfernsehen, immerradio, immertelefon, immerstudentenimhaus, immer zu tun. Señora willstdueineorangeeinenapfelbananeneinenkeks-willstdukaffeeoderteewasduwillstkaffeewasdu-willstnimmdirwasduwillstorangenäpfelbananeneinenjoghurtwasduwillst.
Am Wochenende putzt sich Señora Olivia heraus und fährt in ihr Dorf zur Schlachtung.
El hombre kommt abends mit zwei Schneidezähnen im Oberkiefer und einer Weinflasche im Overall.El hombre murmelt unter verwaschenen Antworten und beständig bestätigendem Nicken. Ukraine – lebt man da gut? Kleines Land? Im Norden Deutschlands? Linke oder rechte Regierung? Es ist immer die Regierung schuld. In Polen ist es auch besser geworden, seitdem sie nicht mehr in der Sowjetunion sind.
Und Señora Olivia putzt und rennt und schöpft und putzt und schimpft und rennt.
Und alles für uns – ihre hijos.

salamanca, 7.3.

hochmut

über unterworfenen felsen, spalten überblickend, eine stadt mit trockenen gewohnheiten. von hier muss sie sich über den Griechen gesehen haben. ohne perspektivverzerrung lässt sich nicht lieben. angehäufte kultur.
dass sich bilder nicht trinken lassen und ansichten nicht schlucken. dass vermischen, verdrängen und vertreiben zusammengefasst friedliche koexistenz geworden sein kann. und dass sich wie nicht mit ja oder nein beantworten lässt.
lernen.
toledo, 10.3.

Unbändig eigen.
Schwer, sich abzugewöhnen anwesend zu sein. Warum nicht.
den betäubenden Fernsehlärm ständiger Rachemorde stolzer Männer und das Gestampfe heranwachsend-stolzgeliebter Machismozüchtungen dichten weder Türen noch Wände. Am Telefon wird lauthals um Quadratmeter und Fleisch gefeilscht, im Innenhof ist der Flamencogesang heiser geworden.

Selbstverständlich nicht zu verstehen und schwer, nicht verstehen zu können. Unhaltbares Oberflächengeplapper drängt sich vor die Nacht, die sich nicht ruhen lässt.
Herden, nach Zeitplan auf dem Weg von Bar zu Bar. Spuren und trockener Staub werden mit Flammenwerfern aus dem Morgengrauen gespült.
In einem Land mit Waldbränden, Bausucht und Wasserknappheit.
Maßlos spanisch.

Wenn eine italienische Reisegruppe um 7:30 nach Madrid fährt, nähert man sich gegen 8 dem Bus. Wenn zwei italienische Schulklassen einen Ausflug machen, kommt die Lehrerin als letzte. Wenn es zwei Sitze im Bus gibt, sitzen dort mindestens drei Italienerinnen.
Wenn 60 italienische Schulmädchen in Madrid sind, kommt Madrid nach Italien.

Noch mehr Herden auf den feldern dürrer Grasflecken. Noch mehr Fleisch.
Herden in Madrids Museen, Protz und Reichtum auf Madrids Gesicht. Madrids Fassaden schreien Besitz. Unbändig und maßlos.
So viel Kunst auf einem Raum grenzt an Geschmacklosigkeit.
salamanca, 18.3.

Angefahren auf einer breiten Küstenstraße. Ohne Meer wurde hier sichtbar Portugal angespült. Schlachten und Jahrhunderte haben Ruinen feingeschliffen. Burgen bleiben unbesiegt.
Lebensfroh klebt man hier Todesanzeigen an Bäume und hängt Stierkampfbilder an Wände.
Nie klareres Grau, nie sauberere Erdtöne. Nie kriechendere Mittagszeit.
Nie besser riechenden Kaffe, von der ungesund dickbleichen Barbesitzerin umringt von Busfahrerrauch im “Marne 51″, Cappuccino-was ist das? und von der nur leicht jüngeren Kellnerin Sowas hast du nicht, Maria.
Ein Danke Dir.
ciudad rodrigo, 24.3.

Es kommt der Tag, da muss man sich gehen, da ist Abschied, es kommt immer eine Zeit.
Zum Abschied schauen wir uns noch einmal an, aus Fenstern neuer Ansichten und in Sonne wie selten zuvor.
Zum Abschied schauen wir uns noch einmal an, Ihre Majestät, Sophia, werfen Blicke, fangen Äußerungen. In Dunkelhaft, mit Bill Viola und San Juan de La Cruz und ganzer Sehnsucht und ganzem Leiden der Guernica und ganzem Wissen ameikanischer Turnschuhtouristen: „This guy is super super famous here in Spain – Juan Gris“ und ganzem Geschmack deutscher Kursfahrtenmädchen: „Boah, die erste Etage war so schrecklich. Ich wusste gar nicht, dass man so hässliche Bilder aufhängen darf.“
Land der Erde,
soy triste, sage ich. Und werde verbessert. No.
Si, sage ich, si. Untröstlich. Unverbesserlich. Wie im Leben, zu häufige Missverständnisse. Und vielleicht doch soy.
Etwas herausgefunden. Warum Klapperstörche so heißen und die katholische Kirche belasten, was sich aus aufgeschnittenen Augen lesen lässt und wie das eigentlich ist, mit den Namen. Vergessen nachzufragen, ob sich Spanier vor dem Älterwerden fürchten. Entfernungen vergessen und fast einen Flug vergessen haben müssen.
Ein Tag kommt zu bald. Zu wenig Raum in Madrids Metro. Zum Abschied.

Vivo sin vivir en mí
y tan alta vida espero
que muero porque no muero.

( Aus “Coplas de el alma que pena por ver a Dios” San Juan de la Cruz)

sprünge

im terminkalender vor einem jahr steht N. kommt.
nicht nur unklar, wohin, sondern auch welcher. es scheint keinen bekannten N. zu geben, dessen verbleib jemals von irgendwelchem interesse war.
was wenn erinnerung erfindung ist.
ganz fiebernieselndes köln wartet auf eine straßenbahn und verabschiedet sich an der startbahn.
ausgemusterte lufthansastuardessen geben flugsicherheitsanweisungen und schließen mit:
“wars so schlimm?”
wenn man alle zeiten auf einmal lernt, weil man sich die davor nicht eingeteilt hat und in der gegenwart keine anwenden kann, was passiertpassiertepassieren.
ganz spanien aus haut, fleisch und blut.