Kennst Du das Land?

Könnte man intertextuell erwidern, ich würde sagen: hier.

Kurz vor Angermünde ist kein guter Ort, um auf Gleisen zu stehen.
Hinter der Zaunhecke hört es sich an, als ob eine Kuh Traktor fährt.
Mit einem Seeman fahren ist nicht nur nach Stralsund.

Wir beide sind schon lange nicht mehr zuhause gewesen.

Steffen spricht Seemanslatein. Ich versuche die Weltkarte nachzuvollziehen. Irgendwo unabänderlich weit. Wie das Meer, der Ozean, der Pazifik und jede Nacht Himmel. Kleine Wellen, die unbemerkt als Flutkatastrophen enden. Fliegende Fische und geräucherte Haie, Kolanusskauen und Autoschieben.

Hier fängt es schon an mit den Ukrainern. Die Kollegen mit den gefälschten Papieren. Die anderen Kollegen – Inselbewohner, deren Name ich wieder vergesse, wie die meisten. Arme Inselbewohner.

Handyrechnungen von über Tausend Euro und stapelweise Postkarten, natürlich. Nur an wen?
Ich habe gerade keine Adresse.

Griefswald.
Greifswald.

Wie naiv erscheint rückblickend die Erwartung von Wärme.
Greifswald – es wäre netter zu schweigen.
Greifswald – hätte flach eine Steigerung.
Greifswald – ich werde mir Vormittags einen Apfel vom regionalen, antikapitalistischen Biobauernhof des SOS-Kinderdorfes für geistig behinderte, misshandelte, unheilbar kranke Kinder aus der dritten Welt für einen wohltätigen Zweck kaufen und dann im internationalen kulturveranstaltenden Literaturcafé auf freiwilliger sozialer Basis die neue Ausgabe der Gala lesen.

Greifswald – Ukraine.

Kollektives Pornohören.

Am Lesepult in einem Stiftungs-Vortragssaal sitzt in einer sehr dunklen Designerbrille in einer bemüht gelangweilten Pose eine zierliche Kulturerscheinung mit psychotischen Ticks.

Die Kulturerscheinung hat studiert und mit vielen geschlafen, Drogen genommen und Camus übersetzt, singt natürlich in einer Band, die nach ihr benannt ist, schreibt Songs, Kolumnen, Bücher, malt, fotografiert und moderiert für Playboy-TV.

Sie selbst würde sagen: bitch.

Wir sagen: eine der bekanntesten und vielversprechendsten Stimmen der ukrainischen Nachwuchsliteratur.
Ach.
Der Harvard-Professor sagt die Texte dieses Dichters sind außerordentlich übernatürlich großartig und wir sind auch ganz hingerissen – ohne zu wissen warum eigentlich. Ach, ach.
S. ist jetzt Doktorandin in Kulturwissenschaften. Close Reading findet sie blöd. Zu viele Gedichte und dann wird nicht einmal erklärt, worum es geht. S. gefällt die Blumenzeichung auf der Buchkopie. Dann streicht sie verzückt über die aufgelesene Kastanie.

Im Intensivsprachkurs streitet sich das junge Lehrerehepaar über die Schreibweise eines Substantivs.

Der italienische Doktor für ukrainische Geschichte klärt eine ukrainische Gesellschaft über die ukrainische Gesellschaft auf.

Alle nicken interessiert und tauschen Visitenkarten. Alle promovieren. Auch diejenigen mit angefangener Magisterarbeit.
Abends werden wir bei an geflochtenen Zöpfen mit blauen Bändchen zu uns herbeigezogenen alten Traditionen ganz sentimental. Ach, ach, ach.

Greifswald.
Ukraine.
Diskussionen und keine.
Schlangen am Büffet/meine Weigerung intelligente Fragen zu stellen/meine Integrationsbemühungen/meine Nachbarschaftspolitik/mein Privatseparatismus.
Ach, nationale Mythen. Ach, Patriotismus. Ach, bestickte Hemdchen und besungene Birkchen.
Achbarschaftspolitik.

Aus Kiew, sage ich und vor meinem geistigen Auge taucht verschwommen eine vage-mutige Karte der Ukraine auf. Meine Erscheinungsform geht hier unter. Nein/kein ukrainisch/nicht Russin/keine Spätaussiedler.

Wenn das Wort Neger politisch korrekter ist als russische Sprache.
Iz Nimätschyny sage ich, aus Leipzig und ordne die Visitenkarten in hierarchischer Reihenfolge in mein Molescin-Notitzbuch.

Und überhaupt: I never asked to be born in the first place.

greifswald 3.9.-14.9.