in this country

Seit wir uns alles erzählt haben, ist es unnötig geworden darüber zu denken.
Wir passieren. Ich will nicht weiter und muss nicht zurück.
Wir umgehen Fragen, mein innerer Dialog ist verstummt.
Erklär mir nur, wie eine Eidechse an diesen prosaischen Ort kommt.

Wir passieren am Wasser, das die Stadt von den Bergen bis ans Meer passiert.
Auf dem Weg bin ich umgezogen und Sir Sean Connery geboren worden.

Leith war einst eine selbstständige Hafenstadt, bis es so selbstverständlich verknetet wurde, mit der großen, einzigen.

Einst handelte man mit Wein und Fisch, dann mit chemischen Drogen.
Es soll besser geworden sein. Die Überlebenden haben sich hochgearbeitet auf der Karriereleiter der Arbeiterklasse. Nur noch selten sieht man Mädchen aus dem Busfenster kiffen.

Die Helden Leiths bewohnen düstere Kellerwohnungen und enge Abstellkammern.
Dave verdient damit Geld und lebt davon in Australien.
Sein vernageltes Zimmer mit Erdfußboden wartet darauf, dass er bei seiner Rückkehr wieder auf dem Billardtisch schläft.
Im Zimmer von Alex tropft es seit drei Wochen von der Decke aufs Bett. Er schießt Chinesen, während Andy und Mark mit Gitarren in der Küche sitzen.
Nick schläft heute sein Koks aus und Chris kommt nie vorbei. Als Drogendealer muss er stets zu finden sein.
“He needs to be stationary“, erklärt Andy. Er kennt sich aus, sein Vater hat das auch einmal gemacht.

Diejenigen, die es geschafft haben, von diesem Ort loszukommen, schauen mit wehmütiger Erleichterung zurück.

Lemmings und GTA wurde hier erfunden, Trainspotting erlebt.

Leiths zahlreiche Kirchen haben Hochglanzvisitenkarten.
Leith selbst hat einen Heiligen.
Der Rastaman aus Jamaika sitzt heute majestätisch vor dem großen Scotmid und lässt seine blauen blinden Augen, die die Schöpfung gesehen haben müssen, über den Leith Walk schweifen.
Wir – seine treuen Gefolgen – kennen ihn.

Wie wir den Gitarrenpfeifenden alten Mann im Durchgang des Fountainbridge kennen, der in den Wandgrafittis verewigt ist.
Wie wir den gegen die Wand Saxophon spielenden Hoodie kennen, Samstags im Tunnel zwischen Farmers Market und Grassmarket.
Wir kennen die am meisten gepiercte Frau der Welt an der Royal Mile.
Und die Gesichter des big issue, das falsche Dudelsackprusten und das Tidlededidle… des keltischen Stolzes, dieselben Noch-Betrunkenen am Montag Morgen, die summenden surrenden Stimmen in den Bussen, an den Straßenübergängen und Einkauspassagen, die zum schießen freigegebenen grauen Eichhörnchen aus Amerika, die ewigen Feuertüren und fröhlichen Entschuldigungen, den gegenseitig bekannten Gesprächsablauf, die zweifelsfrei wärmende Wiedeholungwiederholung…

Wir machen durch.

Bis ich begreife, dass es nicht darum

sondern

Bis zur Abreise hatte ich an Beteuerungen gespart.
Bis sie umsonst wurden.

Bis du nicht mehr erahnen konntest, wo es hakte, und meine Maschen sich heimlich lösten, um Bände mit dir zu knüpfen.

Ein rot-weißer Faden zieht sich durch die Welt derer, die keinen besseren Ort kennen, um zu bleiben.
Im März begrüßen wir den Frühling mit den Störchen, die hier Möwen sind.
Und das Unglück ist bei uns zum Guten und zu Gast.
Und der Gast ist bei uns zu Hause.

In seinen Aufzeichnungen schrieb ein Jäger, dass es leicht sei im Frühling zu gehen, weil im Frühling sogar die Glücklichen aufbrechen würden.

Wir haben uns aus der Nähe betrachtet und gemeinsam ins Leere gestarrt.
Du pfeifst schon seit einer Ewigkeit auf deine Bewohner die selbe alte Leier und fiesen Wind.

Als ob es mir nicht bekannt war.
Wir passieren schnell.

27.10.07-18.03.08 edinburgh