umstellung

Ich bin heute um 94.998.987.072,12 cm gewachsen.
Das war anfangs – etwa gegen sechs Uhr morgens – etwas ungewohnt. Ich hatte Mühe, keine feinen Grenzen zu überschreiten. Aber gegen sieben konnte ich schon die Trauerweiden auf unserem Balkon gießen. Ganz ausgehungert streckten sie alle Blätter von sich und versuchten, ihre Früchte abzuwerfen. Was aber meinen plötzlichen Wachstumsschub erklären würde, konnten sie mir nicht beantworten.
Auch nicht die leichten Vögel am Straßenrand.
Wir fuhren im laufrischen Dämmerlicht an Fabrikfestungen entlang. Eine war aus englischem Königspalastbackstein. Auf dem Wappen stand: „Werkstattmaschinen“, und irgendwo auf der Rückseite: „Rasenmäher“.
Wir hatten auch den Eindruck, dass das Werk eindeutig vor den Maschinen Vorrang haben sollte.
Im Hof gab es eine Wachablösung – alles schlief. Wir schauten eine Weile lang zu und ich dachte an das Weizenfeld dass bald von einem ausländischen Esel, vor dem Karren einer Nationalbibliothek gespannt, zerstampft werden würde. Nicht, dass hier je ein böses Wort über Esel – vor allem ausländische oder intellektuelle – verloren würde. dafür sind wir zu eingeschlossen. Aber mähen ließe sich doch der Weizen damals, in dem 20qm großen Zimmer – oder zumindest ernten.
Das Brot lebt nicht vom Menschen alleine – und keine Kunst ist ohne Mehl. Mit Hefe geht es auf, alle helfen mit. Manche flammender als manche.
Im noch besseren Leben, beispielsweise, baute sich ein ungebranntes Kind das Konzept der Furchtlosigkeit mit Streichhölzern auf einen Aschenbecher. Dazu sang Homer ganz besoffen von Zügen, die nicht zur geliebten Frau fahren und Soldaten, die die eine, ferne vorziehen.
Beim einhören hatte ich das Netz zu weitsichtig ausgeworfen, der ganze Rest verfing sich im Kanal und behindert das rudern.
Der Wind hatte uns in dem bekritzelten und bespielten Lagerhallensonnenaufgang aus den Segeln genommen. Papierdünner Hauch lag auf den Dachbetten.
Ich wollte den Innenhof anbinden, scheiterte aber am Zusammenfalten der Geräuschkulisse.
Das glückliche Familienabendessengeklirre 3 runter, 2 nach links versuchte ich mit dem Wäscheständer nachzubauen. Bis zum großen Handtuch ging es gut aber dann verklemmte ich mir endgültig die Vostellung am fehlenden Weichspüler. Den gartenscheinessenden Nachbarskindern würde es an so etwas bestimmt nicht fehlen. Aber an einem vierten und an allen weiteren Gängen möglicherweise. Diese Aussicht stimmte mich versöhnlich mit all den spöttisch verschlossenen, offenen, beleuchteten und dunklen Doppelfenstern gegenüber.

Das müsste noch gewesen sein bevor ich davon erfuhr, dass zeitlich geordnete Abläufe erst in unseren Gehirngängen laufen lernen.

Und wenn es wieder ein erneutes Mal an der Zeit ist, meine Dankbarkeit zu zeigen, werde ich widerwillig aus angeborener Gewohnheit Verzweiflung simulieren und mir händeringend keinen Anschein geben, dass es doch an diesem einen Tag
so schön ist.

schleussig

is there anybody out there

Freund P, dass du das nicht lesen kannst unterscheidet dich nicht von der erdrückenden Mehrheit des Planeten, dieses Sprachraums und meines Bekanntenkreises mit Internetanschluss.
Ob nun Unverständnis Ausrede ist oder bei mir. Äußern scheint von sich aus zu gehen.
Ich habe mich bedenklich lange an mir bis zum Selbstmitleid aufgekratzt. Nicht, dass ich nichts anderes zu tun hätte. Aber warum. Du kennst ja diese Selbstzweckwechselwirkung.
Wir werden über anderes sprechen, weil die Zeit nur dafür ausreicht sich über Belangloses zu sorgen.
In der Zeit, die wir uns umgaben waren wir uns über drei Begriffe uneinig: Heim, kämpfen und kneten. Zwei davon habe ich verweigert, kämpfen hast du abgelehnt.

Während du an Entfernung verzweifelst, will ich sie unmöglich machen. Aber ob du nun eine bestickte Tischdecke auslegst oder ich mit aufgeblähtem Märtyrerstolz regelmäßig fremde Zimmer und Möbel wechsle, vermutlich meinen wir doch dasselbe.

Wir wandern. Poststrukturalismus nennt sich das.
Am Tag der Arbeit war ich in Saalfeld. Würdest du wissen, wo Saalfeld liegt und wie es um die Lage um Saalfeld steht, würdest du dir vorstellen können, dass ich nicht aus eigenem Antrieb stundenlang an betrunkenen Teenagern vorbei streifte, sondern aus dem der deutschen Bahn, die nur noch Lokführer zu haben scheint.
Geradezu metaphorisch – niemand weiß Bescheid, alle fahren.

Ich bin auch woanders gewesen. Da, wo ich jetzt wohne geht etwas vor sich. Das Verlassene wurde entdeckt, das Unerwünschte ist jetzt begehrt. Alte Industriegelände füllen sich mit Kunst, Musik, Menschen. Auf der Pulsader des Verfalls stehen alte Sofas und große Lautsprecher. Massen von Individualisten ziehen durch Plagwitz. Wir konsumieren ausschließlich bio oder art.
Lieber P, ich kaufe nur noch fair gehandelte Produkte. Nicht aus Prinzip, sondern weil die Ausbeutung abgeschafft wurde. Das Leben ist endlich gerecht geworden. Eine bessere Welt findet statt, es herrscht Einklang und ich denke um.
Du hast uns beim letzten Gespräch mit rollenden Schneebällen verglichen.
Würde mir in diesem Fall die ersehnte Erwiderung wirklich helfen?
Ob nun ein Zuhause Distanz zulässt, für etwas gekämpft werden muss oder wir einander zurecht kneten können – wir werden anderer Meinung sein.

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