kiew – stadtbeschichtigung

Hätt’ ich die Wahl, ich wär ein Wal.

Einer von den schwimmenden. Ich könnte durch die Seealgen rascheln, die nicht in Öl mit Zwiebeln eingelegt sind – obwohl das auch gesund ist. Aber ich bräuchte das Jod gar nicht. Ich würde auf den Dächern liegen und Vögel, oder Sterne, oder anderes Rationales zählen. Am Strand entlang Fahrrad fahren und den Sonnenuntergängen meinen Meeresspiegel vorsetzen. Unter uns würde ich die hereingebrochenen Zeiten nicht wiedererkennen – und das nicht, weil ich abwesend war. Ich würde in Waschtrögen baden, wenn es wieder warmes Wasser gäbe, oder kaltes, oder Wasser. Und ungefragt bleiben, wie es mir denn so gefiele, ohne dass meine Erwiederungsversuche gleich Verrat seien, an einer von vielen Seiten. Ich würde gepumpte Filme schieben und den schlechten Schlechtes wünschen und nicht dieses Theater machen und mir, mich von entfremdeten Frauen an den Busen drückend, vorbeten lassen: komm wieder, schau, alles wird gut.

Ich hätte eine Walheimat – durch Blut und durch Boden keine Rechte. Und – kriegte ich ein Visum – machte ich Wahlfahrten.

24+

lang lebe Wahl, ich fahre

auf einem roten Gangteppich mit Persermustern.

Durch solche Fenster schaut schon ein völlig anderes Land.

Die Heimkehrer haben nach fünf Minuten ihre Hausschuhe, Bademäntel und Wurststangen ausgepackt. In Deutschland wird noch geflüstert, je östlicher – desto weniger.

Ich wundere mich, ob Menschen aus Boden gemacht werden.

An den Stationen werden Taschen und Worte mit dem Schaffner gewechselt.

Ich schweige, wie Partisanen schweigen. Niemand soll wissen, dass ich schon eine ganze Weile nicht hier war.

Hier ist auch schon seit einer Weile weg. Auf 10 Spuren stauen sich verchromte Geländepanzerwagen, Hochhäuser ragen über der Altstadt. Neue Schlafviertel werden gebaut, wo vor 20 Jahren keine Stadt war. Veränderung wäre untertrieben. Der Wandel ist schneller, als sich denken lässt. Die Passanten eilen der Stadt hinterher, richtung Westen und sind schon längst daran vorbei.

Wie man in Kiew möglicherweise seine Freiziet doch nicht verbringen kann: Polo auf Elefanten, Wale fangen, Karaoke mit Frank Sinatra.
Die Stadt verspricht alles, im Gegensatz zur ländlichen Öde. Etwa fünf Millionen wollen sich vergewissern.
Mein Platz ist frei.

Platz der Unabhängigkeit, Platz der Völkerverständigung, Ukrainepalast.

Irina Petrowna hat die Wohnung ihrer verstorbenen Eltern übernommen. Vor ihrem Tod hat sie auf dem Sofa im Wohnzimmer geschlafen. Sie ist über fünfzig.
„Damit dein Vater sich keine Sorgen macht“, Irina Petrowna und holt ein Radioaktivitätsmessgerät hervor. Wir messen die Luft. Dann das Gemüse. Die Gurke ist sichtlich aus der Umgebung.
Wodka hilft, sagt Irina Petrowna. Er hält die Strahlen auf. Wir waten durch dicke Stadtluft bei über 30 Grad. Irina ißt ein McDonalds-Eis und bietet mir ein Bier an.

Irina hat ihre Kindheit in einem großen Ziegelsteinhaus verbracht. Sie meint, sich daran erinnern zu können. Die Kirchen und Klöster schauen allesamt wunderschön gleich aus. Die Namen klingen verwechselbar.

Irina übt schon lange nicht mehr ihren erlernten Beruf aus. Sie näht Kostüme für Artisten und hat die ganze Welt bei sich zu Gast. Sie ist noch nie wo anders gewesen, wofür.

Irina hört russische Romanzen und schaut abends Columbo mit einem Hund, einer Katze, einem Wellensittich, einer Schildkröte, einem Kaninchen, Fischen, ihrem Mann, ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn Vanja im Wohn- und Arbeitszimmer ihrer kleinen Wohnung neunten Stock eines Hochhauses im Neubaugebiet. Ihr Mann hält nichts auf Deutschland, das nach dem Kriegsverlust seine Identität an Amerika verkauft habe.

Irina legt sich ihre Jacke unter das Sommerkleidchen und setzt sich ins Gras am Hang. Abends treffen sich hier über der Stadt junge Menschen. Wäre ein Mann dabei, hätte Irina sich lange geziert, hochzusteigen – so fürchterlich anstrengend. Sie würde nichts tun, was nicht weiblich wirkt. Irinas Eltern konnten sich eine gute Universitätsausbildung leisten. Sie ist 25, beruflich erfolgreich, reist gerne und will anspruchsvoll heiraten, nicht irgendwen.

Irina hatte nicht genug Geld, um sich die Aufnahmeprüfung für das gute Institut zu kaufen. Sie trinkt und raucht nicht, hat eine zehnjährige Klavierausbildung abgeschlossen, studiert fleißig, kann kochen und hilft ihrer alleinerziehenden Mutter, mit der sie zusammenwohnt. Sie will Karriere machen und dann gut heiraten. Kiew verlassen zu können erscheint ihr als fast aussichtslos. Sie kommt gerne an diesen Hang, von dem aus die Dächer, Baukräne und Sonnenuntergänge der Stadt zu sehen sind. Freunde sitzen sie dann dort und reden über wichtige Dinge. Geistige Werte. Wert ist hier ein geflügeltes Wort.

Irina, der durch alle Schichten kiewer Jugendlicher und ihre Drogen gegangen ist, schreibt seine Diplomarbeit über die Werte der modernen ukrainischen Gesellschaft und beweist – es gibt keine. Vom Westen gibt es nur Geld, keinen Glauben.

Irina findet alles toll und es kling, als übertreibe sie aus rücksichtsvoller Fremdheit. Kritik sähe aus wie verwöhnte Ignoranz. Wo ein Visum benötigt wird, ist freier Austausch nicht möglich. Nicht einmal von Meinungen.

Ob ich wegen meines interessierten Fragens Informationen für den Geheimdienst sammle.

Aus der Stadt, in der alle das Restaurant kennen, dass die Parlamentsabgeordneten während ihres Hungerstreiks besuchten. Wo öffentliche Verkehrsmittel zugunsten breiterer Straßen abgebaut wurden, um mit dem Resultat kathastrophaler Staus und Unfälle wieder anzufangen, die öffentlichen Verkehrsmittel von neuem auszubauen. Wo alle gerne bereit sind, mit ihrer Fehlinformation weiterzuhelfen und nichts pünktlich oder organisiert abläuft, obwohl alle davon reden.

Was ich darüber denke, wer mir am besten gefallen hat und ob es sowas bei uns gäbe. Ja. Hier lässt es sich leben – und dort auch. Gute Menschen, ja, selten. Die Kunst. Ob ich zurück, oder jemanden, oder beschuldige, oder bereue, oder beneide. Was ich will.

Ach, unsere Vorgeschichte ist wie verkatert und hinterlässt das unangenehme Gefühl, ich wisse etwas nicht mehr, wonach zu fragen jetzt peinlich wäre.

Deswegen kriegt ihr keine Antworten von mir, kein Schwarz-auf-Weiß. Man spricht nicht über Möglichkeiten, genauso wie sich über Nähe in deren Präsenz nicht denken lässt.

Die zweite Woche schon knabbere ich an den Sonnenblumenkernen, die man mir kiloweise mitgegeben hat, mit der Überzeugung, es gebe in Deutschland keine.

Ich habe nicht widersprochen, an etwas muss man ja glauben.

kiew

kiew – stadtbeschichtigung

Hätt’ ich die Wahl, ich wär ein Wal.
Einer von den schwimmenden. Ich könnte durch die Seealgen rascheln, die nicht in Öl mit Zwiebeln eingelegt sind – obwohl das auch gesund ist. Aber ich bräuchte das Jod gar nicht. Ich würde auf den Dächern liegen und Vögel, oder Sterne, oder anderes Rationales zählen. Am Strand entlang Fahrrad fahren und den Sonnenuntergängen meinen Meeresspiegel vorsetzen. Unter uns würde ich die hereingebrochenen Zeiten nicht wiedererkennen – und das nicht, weil ich abwesend war. Ich würde in Waschtrögen baden, wenn es wieder warmes Wasser gäbe, oder kaltes, oder Wasser. Und ungefragt bleiben, wie es mir denn so gefiele, ohne dass meine Erwiederungsversuche gleich Verrat seien, an einer von vielen Seiten.
Ich würde gepumpte Filme schieben und den schlechten Schlechtes wünschen und nicht dieses Theater machen und mir, mich von entfremdeten Frauen an den Busen drückend, vorbeten lassen: komm wieder, schau, alles wird gut.
Ich hätte eine Walheimat – durch Blut und durch Boden keine Rechte. Und – kriegte ich ein Visum – machte ich Wahlfahrten.
24+
lang lebe Wahl, ich fahre
auf einem roten Gangteppich mit Persermustern.
Durch solche Fenster schaut schon ein völlig anderes Land.
Die Heimkehrer haben nach fünf Minuten ihre Hausschuhe, Bademäntel und Wurststangen ausgepackt. In Deutschland wird noch geflüstert, je östlicher – desto weniger.
Ich wundere mich, ob Menschen aus Boden gemacht werden.
An den Stationen werden Taschen und Worte mit dem Schaffner gewechselt.
Ich schweige, wie Partisanen schweigen. Niemand soll wissen, dass ich schon eine ganze Weile nicht hier war.
Hier ist auch schon seit einer Weile weg.
Auf 10 Spuren stauen sich verchromte Geländepanzerwagen, Hochhäuser ragen über der Altstadt. Neue Schlafviertel werden gebaut, wo vor 20 Jahren keine Stadt war. Veränderung wäre untertrieben. Der Wandel ist schneller, als sich denken lässt.
Die Passanten eilen der Stadt hinterher, richtung Westen und sind schon längst daran vorbei.
Wie man in Kiew möglicherweise seine Freiziet doch nicht verbringen kann: Polo auf Elefanten, Wale fangen, Karaoke mit Frank Sinatra.
Die Stadt verspricht Einheimischen alles – imGegensatz zur ländlichen Öde. Etwa fünf Millionen wollen sich vergewissern.
Mein Platz ist frei.
Platz der Unabhängigkeit, Platz der Völkerverständigung, Ukrainepalast.
Irina Petrowna hat die Wohnung ihrer verstorbenen Eltern übernommen. Vor ihrem Tod hat sie auf dem Sofa im Wohnzimmer geschlafen. Sie ist über fünfzig.
„Damit dein Vater sich keine Sorgen macht“, Irina Petrowna und holt ein Radioaktivitätsmessgerät hervor. Wir messen die Luft. Dann das Gemüse. Die Gurke ist sichtlich aus der Umgebung.
Wodka hilft, sagt Irina Petrowna. Er hielte die Strahlen auf. Wir waten durch dicke Stadtluft von über 30 Grad. Irina ißt ein McDonalds-Eis und bietet mir ein Bier an.
Irina hat ihre Kindheit in einem großen Ziegelsteinhaus verbracht. Sie meint, sich daran erinnern zu können. Die Kirchen und Klöster schauen allesamt wunderschön gleich aus. Die Namen klingen verwechselbar.
Irina übt schon lange nicht mehr ihren erlernten Beruf aus. Sie näht Kostüme für Artisten und hat die ganze Welt bei sich zu Gast. Sie ist noch nie wo anders gewesen, wofür.
Irina hört demonstrativ russische Romanzen und schaut Columbo, gemeinsam mit einem Hund, einer Katze, einem Wellensittich, einer Schildkröte, einem Kaninchen, Fischen, ihrem Mann, ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn Vanja im Wohn- und Arbeitszimmer ihrer kleinen Wohnung neunten Stock eines Hochhauses im Neubaugebiet. Ihr Mann hält nichts auf Deutschland, das nach dem Kriegsverlust seine Identität an Amerika verkauft habe. Die erste Parade nach dem Mauerfall: eine Gay-Parade. Zum Gespött habe sich Deutschland gemacht.
Irina legt sich ihre Jacke unter das Sommerkleidchen und setzt sich ins Gras am Hang. Abends treffen sich hier über der Stadt junge Menschen. Wäre ein Mann dabei, hätte Irina sich lange geziert, hochzusteigen – so fürchterlich anstrengend. Sie würde nichts tun, was nicht weiblich wirkt. Irinas Eltern konnten sich eine gute Universitätsausbildung leisten. Sie ist 25, beruflich erfolgreich, reist gerne und will anspruchsvoll heiraten, nicht irgendwen.
Irina hatte nicht genug Geld, um sich die Aufnahmeprüfung für das gute Institut zu kaufen. Sie trinkt und raucht nicht, hat eine zehnjährige Klavierausbildung abgeschlossen, studiert fleißig, kann kochen und hilft ihrer alleinerziehenden Mutter, mit der sie zusammenwohnt. Sie will Karriere machen und dann gut heiraten. Kiew verlassen zu können erscheint ihr als fast aussichtslos. Sie kommt gerne an diesen Hang, von dem aus die Dächer, Baukräne und Sonnenuntergänge der Stadt zu sehen sind. Mit Freunde sitzt sie dann und redet über wichtige Dinge. Geistige Werte. Wert ist hier Währung.
Irina, der durch alle Schichten kiewer Jugendlicher und ihre Drogen gegangen ist, schreibt seine Diplomarbeit in Philosophie über die Werte der modernen ukrainischen Gesellschaft und beweist: es gibt keine. Vom Westen gäbe es nur Geld, keinen Glauben.
Irina findet alles toll und es kling, als übertreibe sie aus rücksichtsvoller Fremdheit. Kritik sähe aus wie verwöhnte Ignoranz. Wo ein Visum benötigt wird, ist freier Austausch nicht möglich. Auch nicht von Meinungen.
Ob ich wegen meines interessierten Fragens Informationen für den Geheimdienst sammle.
Aus der Stadt, in der alle das Restaurant kennen, dass die Parlamentsabgeordneten während ihres Hungerstreiks besuchten.
Wo öffentliche Verkehrsmittel zugunsten breiterer Straßen abgebaut wurden, um mit dem Resultat kathastrophaler Staus und Unfälle wieder anzufangen, die öffentlichen Verkehrsmittel von neuem auszubauen.
Wo alle gerne bereit sind, mit ihrer Fehlinformation weiterzuhelfen und nichts pünktlich oder organisiert abläuft, obwohl alle davon reden.
Was ich darüber denke, wer mir am besten gefallen hat und ob es sowas bei uns gäbe. Ja. Hier lässt es sich leben – und dort auch. Gute Menschen, ja, selten. Die Kunst. Ob ich zurück, oder jemanden, oder beschuldige, oder bereue, oder beneide. Was ich will.
Ach, unsere Vorgeschichte ist wie verkatert und hinterlässt das unangenehme Gefühl, ich wisse etwas nicht mehr, wonach zu fragen jetzt peinlich wäre.
Deswegen kriegt ihr keine Antworten von mir, kein Schwarz-auf-Weiß.
Man spricht nicht über Möglichkeiten, genauso wie sich über Nähe in deren Präsenz nicht denken lässt.
Die zweite Woche schon knabbere ich an den Sonnenblumenkernen, die man mir kiloweise mitgegeben hat, mit der Überzeugung, es gebe in Deutschland keine.
Ich habe nicht widersprochen.
An etwas muss man ja glauben.

Were I to choose

I’d be a goose;

Sure, why not?

Plucking my very own coat in my birth’s nest,

flying from one trip to another,

counting my fellow birds

on the rooftop of a semi-detached house

or an abandoned factory building,

complaining about these noisy tourists and naive strangers nowadays,

remembering good old days and this special place where we used to go;

I’d be one of those ones,

cycling along the shore in the sunset,

drinking cheap beer,

and in the sunrise

whistling along to the news jingle;

a few explosions and another earthquake somewhere,

butterflies, flies on butter lying on the bottom with the bread on top;

just as some theory tells us,

There is enough creation for every cage.

Due to my superior profile

I’d pick the bones of some evil ducks for my dogs,

I would wear my voice on my sleeve and legally possess all my simple feelings

for nearly everything there is,

I would make the world be moved by money and myself by morals,

Instead of this serving

as an example

for homeless pretense

and unsettled non-involvement,

eager not to tell anybody I used to live here a while ago,

shaking at the bosom of an unfamiliar woman

at a table full of spirits,

along to raged regret and Russian romances,

saying: don’t go, stay with me, everything’s gonna be alright.

I’d rather not wait and see;

But then – that’s not really the point, is it?