Queens

Eine Bushaltestelle an der Continental Avenue, Queens.

PERSONEN

Gruppe Menschen
Bus
großgewachsener Mann
bärtige Verrückte
junges Mädchen
ich

Es ist spät, kalt und sehr windig.
Eine Gruppe Menschen wartet auf den Bus. Die meisten haben sich in die Eingangshalle einer Bank gestellt.

(Eine kleine Frau am Eingang, die sich gerade ihre Zigarette angezündet hat, macht mir auf.)

Die bärtige Verrückte, die hier wohnt kratzt sich durch die Lagen ihrer Kleidung und murmelt etwas Unverständliches. Von innen beobachten die Wartenden, die von einem Grocery Store und einer 24-Studen Drogerie beleuchtete Straße. Die Gnadenlosigkeit der Witterungsverhältnisse erinnert an einen Western, als könnte gleich ein Steppenläufer vorbei rollen.
Es weht Verpackungsmüll über den Asphalt. Der breitschultrige, großgewachsene Mann in Hoodie lehnt an der Haltestelle. Eingemummt und vorgebeugt kaut er an einem Burger. Der Bus fährt heran, kommt zum stehen und öffnet die vordere Tür. Die Wartenden stellen sich an. Das Handy des Mannes klingelt während des Einsteigens.

Mann: [steigt in ein und setzt sich auf einen der Sitze im hinteren Bereich des Busses]: Hallo.
Mann: Hallo?
Mann: Hallo?
Mann: Ich hör dich schlecht.
Mann: Ich steige jetzt in den Bus.
Mann: Ich war auf der Arbeit.
Mann Hallo?
Mann: Wer hat dir gesagt, ich war im Fitnesstudio?
Mann: Ich hör dich nicht.
Mann: Ich bin im Bus.
Mann: Ich fahre jetzt heim.
Mann: Was machst du?
Mann: Wo bist du?
Mann: Hallo?
Mann: Du bist im Arsch.
Mann: Hallo?
Mann: Du bist im Arsch.
Mann: Ich hör dich nicht.
Mann: Kannst du mich hören.
Mann: Was machst du?
Mann: Du bist im Arsch.
Mann: Ich war so angepisst, ich habe ihnen alles erzählt.
Mann: Hallo?
Mann: Sie wissen alles.
Mann: Was wirst du jetzt machen?
Mann: Hallo?
Mann: Wo bist du?
Mann: Wo willst du jetzt hin?
Mann: Mann, ich war so angepisst, du bist im Arsch, sag ich dir.
Mann: Hörst du mich?
Mann: Du bist im Arsch.
Mann: Sie wissen alles, ich habe ihnen alles erzählt.
Mann: Du bist im Arsch, hörst du mich?
Mann: Wo bist du jetzt?
Mann: Wo willst du jetzt hingehen?
Mann: Du kannst da nicht hin.
Mann: [Stimme wird zunehmend lauter]Du bist im Arsch.
Mann: Hörst du mich? [steht auf und geht an die Tür des Busses]
Mann: Da kannst du nicht hin. Ich habe ihr alles erzählt. Wo willst du hingehen?
Mann: Zu meiner Mutter kannst du nicht.
Mann: Ich sagte, ich habe ihnen alles erzählt.
Mann: Nein, da kannst du nicht hin.
Mann: Das wirst du nicht, ich werde es verhindern.
Mann: Zu mir kannst du nicht.
Mann: Hallo?
Mann: Du bist im Arsch.
Mann: Nein, zu meiner Mutter kannst du nicht.
Mann: Kannst du mich hören?
Mann: Da kannst du nicht hin. Was willst du jetzt tun?
Mann: Nein, habe ich gesagt.
Mann: Meine Mutter liebt mich mehr als dich.
Mann: Wo willst du jetzt hingehen?
Mann: Wenn du zu ihr gehst, bring ich sie um.
Mann: Und dich.
Mann: Hallo? Kannst du mich hören?
Mann: Verstehst du mich?
Mann: Was willst du jetzt tun?
Mann: Wo willst du hin?
Mann: Du kannst nirgendwo hingehen. Du bist im Arsch.
Mann: Ich war so angepisst, ich habe ihnen alles erzählt.
Mann: Hallo?
Mann: Wo willst du jetzt hin?
Mann: Nein, da kannst du nicht hin, ich habe ihnen alles erzählt.
Mann: Du kannst nicht nach Costa Rica, die werden dich nicht rein lasse. Du bist im Arsch.
Mann: Nein, ich habe alles erzählt.
Mann: Hast du mich verstanden?
Mann: Du kommst nicht zu mir.
Mann: Was willst du tun?
Mann: Hast du mich verstanden? Wo willst du jetzt hin? Du kannst nirgendwo hin.
Mann: Ok, du holst mich jetzt ab. Nein, ich bin im Bus [läuft zum Vorderteil des Busses, schaut durchs Fenster]
Mann: Ich weiß es nicht, ich fahre mit dem Bus.
Mann: Du holst mich sofort ab.
Mann: Du wartest auf mich an der Bushaltestelle. Verstanden?
Mann: Ich weiß nicht wo wir sind [versucht durch das Fenster die Name der Straße zu entziffern]
Mann: Ich weiß es nicht. Du holst mich nicht ab. Du kannst nicht zu mir.
Mann: Nein, du wirst nicht zu mir kommen. [läuft umher]
Mann: Ich will dich nicht mehr sehen.
Mann: Wo willst du jetzt hin?
Mann: Hallo?
Mann: Was willst du jetzt tun?
Mann: Du kannst nirgendwo hin, zu mir bestimmt nicht.
Mann: Nein, die werden dich nicht reinlassen. Ich habe alles gesagt, verstanden?
Mann: Weil du eine dumme Schlampe bist, verstanden? Niemand wird eine Schlampe wie dich reinlassen, verstanden?
Mann: Was willst du tun?
Mann: Wo gehst du jetzt hin? Ich will dich nicht mehr sehen. Ich will dein dummes Gesicht nie mehr sehen.
Mann: Verstanden? Hallo? Verstanden?
Mann: Wo willst du jetzt hin? Du hast niemanden.
Mann: Ich will das nicht, weil keiner ein Kind von einer dummen Schlampe wie dir will.
Mann: Was willst du jetzt tun?

Der Bus hält.

(Ich wende mich von den erschreckten Gesichtern der anderen Passagiere ab, um auszusteigen.)

Ein Mädchen mit langen, dunklen Haaren stürmt aus der Tür und rennt vor dem Bus über die Straße. Rennt, rennt, wie befreit.
Eine Ecke weiter hat die Dunkelheit eines Hauseingangs sie schon verschluckt.
In einem der Gebäudekomplexe der Plattenbausiedlung, hinter deren Fenster ein ganzes Heer beherbergt sein muss – an Müttern.

nyc

zu-rück-sicht

Ich habe hier eine Bekannte, A. Vor kurzem hat A Rückenprobleme bekommen. Erst hatte sie gedacht, es würde irgendwie gehen, aber bei jeder Bahnfahrt zur Arbeit wurde es immer schlimmer.
Am Tag, als es unerträglich wurde zu laufen und zu sitzen und die Tränen sich völlig unaufgefordert über aufgestauten Selbstmitleid ergossen, war es grau, oder es war nur ihre Laune, und sie hatte eine Pflichtveranstaltung einer internationalen Organisation zu besuchen, welche sich wohl darauf spezialisiert, für ein zweiseitiges Formular mit einer vierstelligen Nummer, welches für ein US-Visum nötig ist, vierstellige Bearbeitungsgebühren abzurechnen und anschließend eine Pflichtveranstaltung zu organisieren.

Sie erfuhr bei der Vorstellungsrunde: dass ihr österreichischer Banknachbar aus einer Consulting-Agency nach einer Woche Aufenthalt in den USA aus seiner WG geflogen war, weil er am ersten Abend ein Mädchen mitgebracht hatte. Bei dem anschließenden Quiz: “Was passiert, wenn ich gegen die Regelungen meines J1-Visums verstoße?” verkniff sie sich den Vorschlag: “Electrocution”. Gefängnis war immerhin dabei.
Nach der Auskunft über die Bedingungen der Auslandsversicherung (vor der Ohnmacht oder einem Atemstillstand sollte man sichergehen, dass die Klinik die Gruppe First Health, und nicht etwa Health First, akzeptiert) entschied sie sich – ermutigt durch quälende Scherzen eines eingeklemmten Rückennervs und die vage Vermutung, permanent verarscht zu werden, diese graue Theorie anzuwenden.
Mit steifem Humpeln verließ sie den Raum vorzeitig, um sich Auskunft darüber zu verschaffen, welche Krankenhäuser in New York überhaupt die besagte Krankenversicherung akzeptierten.

Das Bewusstwerden der Fortbewegung, jedes Schritts erschien belastend und das anfängliche Kieferzusammenpressen des stolzen Guerrillakämpfers ging in beleidigtes Schmollen auf die Ungerechtigkeit der Schwerkraft über.
Nachdem A. insgesamt zwei Krankenhäuser im Staate New York ausfindig gemacht hatte, die First Health akzeptierten, hinkte sie langsam zum Beth Israel Hospital, East Side. Die Gleichgültigkeit der vorübereilenden Massen erschien in diesem Moment besonders grausam. Wäre sie umgekippt, wäre es möglicherweise nicht einmal aufgefallen.
Niemand zeigte Mitleid und so gab sie es auf, den Anschein verborgener Schmerzen zu machen.

Beim Betreten des Rezeptionssaales flennte sie bereits lauthals. Sie wurde von einer in die nächste Station verwiesen, ohne dass sie auf irgendwen mit dem Passionspiel Eindruck gemacht hätte. Die Patienten wurden wie kaputte Gegenstände weitergereicht. Mit distanzierter Freundlichkeit drückte eine Krankenschwester ihr einen Becher für die Urinprobe in die Hand und nahm Blut ab. Mit dieser deutlichen Nicht-Inkenntnisnahme schien das Leiden nur noch vergeblicher. Ständig wurde sie zum Sitzen aufgefordert, wobei es doch gerade darum ging, dass sie nicht sitzen konnte. Das interessierte nicht sonderlich.
Im Wartezimmer liefen Kranke und Schwestern zum Nachrichtensender umher, einige murmelten, einige redeten, alle waren mit sich beschäftigt. Eine weitere unfreundliche Rezeptionistin nahm Daten auf. Schließlich erbarmte sich eine der Arzthelferinnen und A. wurde in eine mit Plastikvorhängen abgetrennte Nische mit Liege und weiterem sterilen Krankenhauszubehör geführt.

Zermürbt und genervt krabbelte sie die Liege hoch und verbrachte so mehrere Stunden. Sie konnte hören wie hinter dem Vorhang die Schwestern lästerten und andere Patienten telefonierten. Rechts neben ihr beschwerte sich eine Frauenstimme darüber, dass sie niemandem klarmachen konnte, dass sie Probleme mit dem Rücken und nicht mit dem Bauch habe. Später wurde bei ihr ein Schwangerschaftstest gemacht.
Schließlich riss eine junge Assistenzärztin mit Klemmbrett den Vorhang auf, stellte einige Fragen, drückte kurz mit zwei Fingern auf A.s Kreuz, setzte ihr eine Betäubungsspritze und verschwand wieder. A. blieb liegen und, wie versprochen, wurde dieser Zustand zunehmend erträglicher, geradezu nett. Irgendwann erschien eine Schwester, teilte ihr mit, dass ihre Blutwerte in Ordnung seien, gab ihr zwei Zettel mit unverständlichen Anweisungen und eilte weiter.

A. hatte nun, ohne sichtliches Ergebnis und mit einer vagen Überweisung, das Krankenhaus zu verlassen. First Health war niemandem ein Begriff. Niemand schien A. wahrgenommen zu haben, in diesem seelenlosen Betrieb, der doch eigentlich das Helfen und Retten zur Aufgabe hatte. Niemand würde sich an die Patienten erinnern, weder an sie, noch an andere, schwerere Fälle. Völlig unbeachtet, ratlos und empört irrte A. zum Ausgang. Durch automatische Flügeltüren, vorbei an Tragen, Tröpfen, Rollstühlen, beschäftigten Menschen.

Gegenüber vom Ausgang bemerkte sie einen großen Rahmen mit einem Foto und Aufschriften. Auf dem Bild waren Rettungshelfer und Feuerwehrmänner zu sehen, um das Bild waren mit Filzstiften aufgetragene Namen und Nachrichten. Ohne weitere Erklärung war ersichtlich, worum es ging.
An welchen Tag, an welche Rettungsversuche, Krankengeschichten und Patienten sich die Menschen auf dem Foto, die Angestellten dieses Krankenhauses, die Bewohner dieser Stadt seit siebeneinhalb Jahren erinnern mussten.

manhattan

ausflug

Coney Island machte schon von der Subway aus einen heruntergekommenen Eindruck. Wir stiegen aus, gingen durch Wälder einst kunterbunter, vergilbter und abgeplätterter Anzeigen. Es war neblig und windig und der allererste Hot Dog Laden von Nathan — des Mannes, der angeblich das Hot Dog Esswettbewerb erfunden hat — verbarg sich vor dem Wetter und mangelnder Kundschaft hinter Rollläden, wie die meisten Buden und Häuschen, wenn sie nicht einfach schon vor Jahren zurück gelassen worden waren. Kürzlich sollen japanische Bauunternehmer den Vergnügungspark zum Wiederaufbau aufgekauft haben.

wir gingen die Holzbretter der Strandpromenade entlang und verloren uns im Nebel. Trotz des Windes und des Nieselregens schlenderten uns andere Spaziergänger entgegen, sichtlich gewöhnt an ihren Weg. Im Gegensatz zu den Taschenformaten Manhattans sind die Hunde Brighton Beachs weniger “zivilisiert” und brauchen Bewegungsraum. Selbstverständlich fragte ich die vorbei gehende ältere Dame mit ihrer kleinen Straßenkötermischung auf russisch nach dem Weg, wir kamen ins Gespärch und es stellte sich heraus, dass wir aus derselben Stadt kommen. Wir erinnerten uns an gemeinsame Orte und sie zeigte sich interessiert am Leben der Immigranten in Deutschland. Hier, sagte sie, respektiere man sie sowjetischen Immigranten nicht gerade, man sähe sie als zweitklassig an, nähme sie nicht für ganz voll und dulde sie lediglich. Dann wies sie uns die Richtung nach Brighton Beach und riet uns bloß nicht in die entgegen gesetzte zu gehen. Da sei das ganze “Negerpack”.
Vor einer Schautafel mit schwarz-weiß Fotos der Coney Island Parade 1937 drückte sie nochmals ihr bedauern darüber aus, dass es heute nicht mehr so aussähe, wie einst. Als schön gekleidete schöne weiße Menschen auf und ab flanierten, und nicht dieses schwarze und lateinamerikanische Gesindel.

Ja.

Unnötig zu sagen, dass diese Frau in der falschen Zeit lebt. Offensichtlich fühlt sie sich bedroht, von Menschen anderer Abstammung. Aber die Bedrohungen unserer Zeit sind andere. Nach und nach erobern sie die Ghettos von einst, breiten sich aus und schrecken nicht von den obskursten Straßen Brooklyns zurück. Geht man heute in Viertel, gezeichnet von einstigen Bandenkriegen, bewaffneten Überfällen und dröhnender Schlachtmusik, trifft man die Gangs hagerer, blasser, verräucherter Individualisten. Die spitzen Schuhe, die alten Nikes, die zerschlissenen Chucks, die Cowboystiefel, die Pantöffelchen, die Röhrenjeans, die Karrottenschnitthosen, die Baggypants, die Leopardenmusterleggins, die Kleidchen und Röckchen der Hipster begegnen uns. Diese Menschen machen Kunst, Musik, Poesie, Tattoos, Klamotten, Möbel. Sie wohnen in kalten Lofts, in feuchten Kellern, in engen Apartments.
Der Zusammenhang, dass auch Höhlenmenschen Kreidezeichnungen hinterlassen haben, lässt sich auch anders interpretierung, als dass diese besonders kreativ gewesen sein mussten.

Durch unbeleuchtete Lastwageneinfahrten, über Fabrikgelände und Plattensiedlungen gehen junge Menschen mit unerschüttertem Glauben an ihre Sonderbarkeit. Sie trotzen einheimischen Kriminellenkreisen, ihren Drogengeschäften und Waffendrohungen, zeigen sich unbeeindruckt von jahrzehntelangen Segregationsbemühungen. Gegen solche Ignoranz jeglicher kultureller Differenzen kommen selbst die härtesten Gängster New Yorks nicht an. Hipster besiedeln Harlem, Williamsburg, Fort Green, Dumbo. Die Wahrscheinlichkeit, dass einem myspaceadressen um die Ohren fliegen ist hier weitaus höher, als die von Kugeln.

Aus den abgelegendsten Landstrichen Amerikas kriechen sie zusammen, um sich mit gleichgesinnten Nonkonformisten zu organisieren und abzuhängen. Ihre Ablehnung jeglicher Effizienz wird die große Teile der Stadt bald in ein einziges Vokü-Straßenfest verwandelt haben.Trotz aller Kritikfähigkeit merzen sie alternative Lebensweisen in ihrem Umfeld nach und nach aus. Ihre Ansichten dulden keine Akzeptanz.

Andere Immigranten sind schließlich auch nicht toleranter.

Vielleich wird auch bald in Brighton Beach nicht mehr sowjetischer Eklektizismus, sondern Indiemusik ertönen.

new york

bent

Ich könnte ein Theaterstück schreiben.
Eine Tragödie, eventuell ein Musical, das wäre auch drin.
Es würde in Dachau spielen. In der Anfangsszene würden wir – zur Situierung – den Schatten eines Geigers sehen, auf der Kulisse eines Drahtzauns, vor himmelblauem Hintergrund.
Auf der leeren Bühne würden zwei Haufen Schottersteine liegen.
Dann träten drei Männer auf die Bühne. Zwei davon in Häftlingsanzügen, aus heutiger Sicht gestreiften Pyjamas, und einer in einem langen Mantel und Hakenkreuzband und nach hinten gegelten Haaren.
Es wäre ok, wenn die beiden KZ-Häftlinge durchträniert wären und blondierte Haare hätten – das verstärkt die Einbindung des Publikums. Einer sollte nur deutlich kleiner sein als der andere. Auf seinem Oberteil wäre ein gelbes Dreieck angenäht. Auf der Brust des anderen wäre der Davidsstern.
Beide würden zum Zentrum der Bühne marschieren und stramm stehen. Der SS-Kommandant würde gleich loslegen – zur Orientiertung. Wie wir das so aus Vietnamfilmen kennen.
Du, würde er schreien. Ja-wohl-Sir, würde der große zurückbrüllen. Der Kommandant würde ihm befehlen, die Steine von einem zum anderen Haufen zu schleppen, keine Pause zu machen, außer drei Minuten stillstehen, wenn die Sirenen ertönen, den anderen nicht anzuschauen und keinen Unsinn zu machen.
Ja-wohl-Sir, würde der Häftling brüllen. Du, würde der SS-Komandant schreien. Ja-wohl-Sir, würde der kleinere mit den blondierten Haaren krächzen. Dann würde der Kommandant seine Befehle noch einmal wiederholen.

Dann müsste der noch ein paar Mal “Du” und die Häftlinge “Jawohl” brüllen.
Er würde bekräftigen, dass die beiden beaufsichtigt werden. An die Arbeit, würde er brüllen (die Häftlinge: “Ja-Sir”) und von der Bühne gehen.

Die beiden würden jeweils anfangen die Steine von einem Haufen zum anderen zu schleppen und so zu tun, als seien die Schaumstoffrequisiten schwer und hart.
Trotz ausgiebiger Warnungen würden sie natürlich anfangen zu reden.
Der kleine wäre sehr unzufrieden. Er wollte diesen Job gar nicht, denn das einzige Ziel sei es, die beiden verrückt zu machen. Der größere versuchte ihn davon zu überzeugen, dass es der beste Job sei, den man im KZ kriegen kann. Auch abgesehen davon wäre der kleine auf den großen sauer und nach und nach erfahren wir, dass der große nur so tut als sei er Jude, wobei er – wie der Kleine – in Wirklichkeit wegen seiner Homosexualität inhaftiert wurde.
Er wollte diesen Job haben und ihn nicht alleine machen, deswegen hat er sich den kleinen dazuholen lassen.

Sie laufen also hin und her und tun so, als sähen sie sich nicht und unterhalten sich über ihre Baracken, Schlägereien, Selbstmorde, was es morgen zu Essen gibt, was man eben so redet.

Durch ein- und ausschalten der Beleuchtung würde dem Zuschauer deutchlich gemacht, dass die Zeit vergeht.
Nach und nach werden sich die beiden vertrauter. Sie laufen immer noch mit Steinen von Haufen zum Haufen. Dann wird es heiß und die beiden ziehen ihre Hemden aus.
Nun traut sich der Kleine und fragt, ob der andere manchmal “daran” denkt.
Dann ertönt die Sirene und sie müssen drei Minuten lang nebeneinander still stehen.
Die Dramaturgie erfordert nun, dass die drei Minutren nicht bloß drei, sondern ruhig gute zehn Minuten in Echtzeit dauern können.
Die beiden Insassen machen sich gegenseitig Komplimente hinsichtlich ihrer Körper, die sie offensichtlich aus den Augenwinkeln erspannen.
Dann machen sie Liebe. Im übertragenen, also versprachlichtem Sinne.
Wie das eben so geht, als KZ-Häftling, auf einer Theaterbühne.

Nun hat sich also die Dramatik vertrieft und der kleine hat sich in den größeren wirklich verliebt.
Er sagt Dinge wie :”Jetzt weiß ich, sie können mich nicht umbringen, denn ich trage die LIebe zu dir in mir”,
und der größere muss sagen: “Nein, du darfst mich nicht lieben, ich bin ein schrecklicher Mensch, ich liebe niemanden”,
worauf der kleine sagen wird:”Warum leugnest du das? Wir lieben uns doch!”,
und der größere wird dann voller Bitternis bekennen, dass alle, die er liebt wegen ihm umkommen.
Und der kleine wird ihm Vorwürfe machen, dass er nicht mutig genug sei, zu seiner Identität zu stehen und sein Dreieck zu tragen, statt des bloßen Davidssterns.
Und er wird in die Menge hineinrufen:”Was ist daran falsch, dass wir uns lieben?!”, sodass die Menge plötzlich auf diesen Missstand aufmerksam gemacht und nachdenklich wird.

Selbstverständlich tragen die Liebenden immernoch die Steine von Haufen zu Haufen und die Zeit vergeht, bis der Herbst kommt und der kleinere krank wird.
Obwohl der größere versucht keine Gefühle zu zeigen, ist er besorgt.
“Du hast abgenommen”, wird er sagen.
Dann wird er ihm Medikamente und Fisch zum Mittagessen versprechen.
Der kleinere ist nun müde vom KZ und will nach Hause.
Sie sprechen über die Berliner Gesellschaften und Clubs, wo sie früher verkehrt haben. Beide sind gerne an der Spree geschwommen.
Dann kommt der Kommandant und kriegt heraus, dass die beiden sich wohl doch besser kennen, als sie dürften. Zumindest gedanklich.
Und kurz bevor die Zuschauer vor Anspannung platzen, erschießt der SS-Mann den kleineren und der größere muss die Leiche entsorgen.

Alleine gelassen mit dem Toten, nimmt der größere ihn erst einmal auf die Arme, schreit, weint und brüllt:
“Ich liebe dich doch!”
und:
“Was ist daran falsch?”
ins Publikum, das spätestens jetzt zutiefst erschüttert wird.
Dann lässt er ihn zu Boden sinken und schleift ihn mühselig über die ganze Bühne. Als Abschlusgeste zieht der größere die Jacke des kleineren mit dem goldenen Dreieck auf der Brust an – als Bekenntnis – und stürzt sich auf den Drahtzaun.
Der Vorhang fällt.
Das Publikum applaudiert betreten.
Ja, so etwas hätte ich schreiben können.
Tatsächlich wurde so etwas schon geschrieben.
Und das schon in den fünfziger Jahren.
Ich habe es mit eigenen Augen gesehen.

(new school)

new york

ausflug

Coney Island machte schon von der Subway aus einen heruntergekommenen Eindruck. Wir stiegen aus, gingen durch Wälder einst kunterbunter, vergilbter und abgeplätterter Anzeigen. Es war neblig und windig und der allererste Hot Dog Laden von Nathan — des Mannes, der angeblich das Hot Dog Esswettbewerb erfunden hat — verbarg sich vor dem Wetter und mangelnder Kundschaft hinter Rollläden, wie die meisten Buden und Häuschen, wenn sie nicht einfach schon vor Jahren zurück gelassen worden waren. Kürzlich sollen japanische Bauunternehmer den Vergnügungspark zum Wiederaufbau aufgekauft haben.

wir gingen die Holzbretter der Strandpromenade entlang und verloren uns im Nebel. Trotz des Windes und des Nieselregens schlenderten uns andere Spaziergänger entgegen, sichtlich gewöhnt an ihren Weg. Im Gegensatz zu den Taschenformaten Manhattans sind die Hunde Brighton Beachs weniger “zivilisiert” und brauchen Bewegungsraum. Selbstverständlich fragte ich die vorbei gehende ältere Dame mit ihrer kleinen Straßenkötermischung auf russisch nach dem Weg, wir kamen ins Gespärch und es stellte sich heraus, dass wir aus derselben Stadt kommen. Wir erinnerten uns an gemeinsame Orte und sie zeigte sich interessiert am Leben der Immigranten in Deutschland. Hier, sagte sie, respektiere man sie sowjetischen Immigranten nicht gerade, man sähe sie als zweitklassig an, nähme sie nicht für ganz voll und dulde sie lediglich. Dann wies sie uns die Richtung nach Brighton Beach und riet uns bloß nicht in die entgegen gesetzte zu gehen. Da sei das ganze “Negerpack”.
Vor einer Schautafel mit schwarz-weiß Fotos der Coney Island Parade 1937 drückte sie nochmals ihr bedauern darüber aus, dass es heute nicht mehr so aussähe, wie einst. Als schön gekleidete schöne weiße Menschen auf und ab flanierten, und nicht dieses schwarze und lateinamerikanische Gesindel.

Ja.

Unnötig zu sagen, dass diese Frau in der falschen Zeit lebt. Offensichtlich fühlt sie sich bedroht, von Menschen anderer Abstammung. Aber die Bedrohungen unserer Zeit sind andere. Nach und nach erobern sie die Ghettos von einst, breiten sich aus und schrecken nicht von den obskursten Straßen Brooklyns zurück. Geht man heute in Viertel, gezeichnet von einstigen Bandenkriegen, bewaffneten Überfällen und dröhnender Schlachtmusik, trifft man die Gangs hagerer, blasser, verräucherter Individualisten. Die spitzen Schuhe, die alten Nikes, die zerschlissenen Chucks, die Cowboystiefel, die Pantöffelchen, die Röhrenjeans, die Karrottenschnitthosen, die Baggypants, die Leopardenmusterleggins, die Kleidchen und Röckchen der Hipster begegnen uns. Diese Menschen machen Kunst, Musik, Poesie, Tattoos, Klamotten, Möbel. Sie wohnen in kalten Lofts, in feuchten Kellern, in engen Apartments.
Der Zusammenhang, dass auch Höhlenmenschen Kreidezeichnungen hinterlassen haben, lässt sich auch anders interpretierung, als dass diese besonders kreativ gewesen sein mussten.

Durch unbeleuchtete Lastwageneinfahrten, über Fabrikgelände und Plattensiedlungen gehen junge Menschen mit unerschüttertem Glauben an ihre Sonderbarkeit. Sie trotzen einheimischen Kriminellenkreisen, ihren Drogengeschäften und Waffendrohungen, zeigen sich unbeeindruckt von jahrzehntelangen Segregationsbemühungen. Gegen solche Ignoranz jeglicher kultureller Differenzen kommen selbst die härtesten Gängster New Yorks nicht an. Hipster besiedeln Harlem, Williamsburg, Fort Green, Dumbo. Die Wahrscheinlichkeit, dass einem myspaceadressen um die Ohren fliegen ist hier weitaus höher, als die von Kugeln.

Aus den abgelegendsten Landstrichen Amerikas kriechen sie zusammen, um sich mit gleichgesinnten Nonkonformisten zu organisieren und abzuhängen. Ihre Ablehnung jeglicher Effizienz wird die große Teile der Stadt bald in ein einziges Vokü-Straßenfest verwandelt haben.Trotz aller Kritikfähigkeit merzen sie alternative Lebensweisen in ihrem Umfeld nach und nach aus. Ihre Ansichten dulden keine Akzeptanz.

Andere Immigranten sind schließlich auch nicht toleranter.

Vielleich wird auch bald in Brighton Beach nicht mehr sowjetischer Eklektizismus, sondern Indiemusik ertönen.

bent

Ich könnte ein Theaterstück schreiben.
Eine Tragödie, eventuell ein Musical, das wäre auch drin.
Es würde in Dachau spielen. In der Anfangsszene würden wir – zur Situierung – den Schatten eines Geigers sehen, auf der Kulisse eines Drahtzauns, vor himmelblauem Hintergrund.
Auf der leeren Bühne würden zwei Haufen Schottersteine liegen.
Dann träten drei Männer auf die Bühne. Zwei davon in Häftlingsanzügen, aus heutiger Sicht gestreiften Pyjamas, und einer in einem langen Mantel und Hakenkreuzband und nach hinten gegelten Haaren.
Es wäre ok, wenn die beiden KZ-Häftlinge durchträniert wären und blondierte Haare hätten – das verstärkt die Einbindung des Publikums. Einer sollte nur deutlich kleiner sein als der andere. Auf seinem Oberteil wäre ein gelbes Dreieck angenäht. Auf der Brust des anderen wäre der Davidsstern.
Beide würden zum Zentrum der Bühne marschieren und stramm stehen. Der SS-Kommandant würde gleich loslegen – zur Orientiertung. Wie wir das so aus Vietnamfilmen kennen.
Du, würde er schreien. Ja-wohl-Sir, würde der große zurückbrüllen. Der Kommandant würde ihm befehlen, die Steine von einem zum anderen Haufen zu schleppen, keine Pause zu machen, außer drei Minuten stillstehen, wenn die Sirenen ertönen, den anderen nicht anzuschauen und keinen Unsinn zu machen.
Ja-wohl-Sir, würde der Häftling brüllen. Du, würde der SS-Komandant schreien. Ja-wohl-Sir, würde der kleinere mit den blondierten Haaren krächzen. Dann würde der Kommandant seine Befehle noch einmal wiederholen.

Dann müsste der noch ein paar Mal “Du” und die Häftlinge “Jawohl” brüllen.
Er würde bekräftigen, dass die beiden beaufsichtigt werden. An die Arbeit, würde er brüllen (die Häftlinge: “Ja-Sir”) und von der Bühne gehen.

Die beiden würden jeweils anfangen die Steine von einem Haufen zum anderen zu schleppen und so zu tun, als seien die Schaumstoffrequisiten schwer und hart.
Trotz ausgiebiger Warnungen würden sie natürlich anfangen zu reden.
Der kleine wäre sehr unzufrieden. Er wollte diesen Job gar nicht, denn das einzige Ziel sei es, die beiden verrückt zu machen. Der größere versuchte ihn davon zu überzeugen, dass es der beste Job sei, den man im KZ kriegen kann. Auch abgesehen davon wäre der kleine auf den großen sauer und nach und nach erfahren wir, dass der große nur so tut als sei er Jude, wobei er – wie der Kleine – in Wirklichkeit wegen seiner Homosexualität inhaftiert wurde.
Er wollte diesen Job haben und ihn nicht alleine machen, deswegen hat er sich den kleinen dazuholen lassen.

Sie laufen also hin und her und tun so, als sähen sie sich nicht und unterhalten sich über ihre Baracken, Schlägereien, Selbstmorde, was es morgen zu Essen gibt, was man eben so redet.

Durch ein- und ausschalten der Beleuchtung würde dem Zuschauer deutchlich gemacht, dass die Zeit vergeht.
Nach und nach werden sich die beiden vertrauter. Sie laufen immer noch mit Steinen von Haufen zum Haufen. Dann wird es heiß und die beiden ziehen ihre Hemden aus.
Nun traut sich der Kleine und fragt, ob der andere manchmal “daran” denkt.
Dann ertönt die Sirene und sie müssen drei Minuten lang nebeneinander still stehen.
Die Dramaturgie erfordert nun, dass die drei Minutren nicht bloß drei, sondern ruhig gute zehn Minuten in Echtzeit dauern können.
Die beiden Insassen machen sich gegenseitig Komplimente hinsichtlich ihrer Körper, die sie offensichtlich aus den Augenwinkeln erspannen.
Dann machen sie Liebe. Im übertragenen, also versprachlichtem Sinne.
Wie das eben so geht, als KZ-Häftling, auf einer Theaterbühne.

Nun hat sich also die Dramatik vertrieft und der kleine hat sich in den größeren wirklich verliebt.
Er sagt Dinge wie :”Jetzt weiß ich, sie können mich nicht umbringen, denn ich trage die LIebe zu dir in mir”,
und der größere muss sagen: “Nein, du darfst mich nicht lieben, ich bin ein schrecklicher Mensch, ich liebe niemanden”,
worauf der kleine sagen wird:”Warum leugnest du das? Wir lieben uns doch!”,
und der größere wird dann voller Bitternis bekennen, dass alle, die er liebt wegen ihm umkommen.
Und der kleine wird ihm Vorwürfe machen, dass er nicht mutig genug sei, zu seiner Identität zu stehen und sein Dreieck zu tragen, statt des bloßen Davidssterns.
Und er wird in die Menge hineinrufen:”Was ist daran falsch, dass wir uns lieben?!”, sodass die Menge plötzlich auf diesen Missstand aufmerksam gemacht und nachdenklich wird.

Selbstverständlich tragen die Liebenden immernoch die Steine von Haufen zu Haufen und die Zeit vergeht, bis der Herbst kommt und der kleinere krank wird.
Obwohl der größere versucht keine Gefühle zu zeigen, ist er besorgt.
“Du hast abgenommen”, wird er sagen.
Dann wird er ihm Medikamente und Fisch zum Mittagessen versprechen.
Der kleinere ist nun müde vom KZ und will nach Hause.
Sie sprechen über die Berliner Gesellschaften und Clubs, wo sie früher verkehrt haben. Beide sind gerne an der Spree geschwommen.
Dann kommt der Kommandant und kriegt heraus, dass die beiden sich wohl doch besser kennen, als sie dürften. Zumindest gedanklich.
Und kurz bevor die Zuschauer vor Anspannung platzen, erschießt der SS-Mann den kleineren und der größere muss die Leiche entsorgen.

Alleine gelassen mit dem Toten, nimmt der größere ihn erst einmal auf die Arme, schreit, weint und brüllt:
“Ich liebe dich doch!”
und:
“Was ist daran falsch?”
ins Publikum, das spätestens jetzt zutiefst erschüttert wird.
Dann lässt er ihn zu Boden sinken und schleift ihn mühselig über die ganze Bühne. Als Abschlusgeste zieht der größere die Jacke des kleineren mit dem goldenen Dreieck auf der Brust an – als Bekenntnis – und stürzt sich auf den Drahtzaun.
Der Vorhang fällt.
Das Publikum applaudiert betreten.
Ja, so etwas hätte ich schreiben können.
Tatsächlich wurde so etwas schon geschrieben.
Und das schon in den fünfziger Jahren.
Ich habe es mit eigenen Augen gesehen.