verluste

Ich versuche mich daran zu erinnern, was ich vergessen und verloren habe, in den vielen letzten Monaten, was ich vermisse. Nummern, Adressen, Menschen, Mützen, Bücher, einen Schlafsack, mehrere Tüten, von denen ich nicht mehr weiß, welchen Inhalt diese hatten.
Auf Bahnhöfen und Tischen, in Zügen und fremden Wohnungen.

Vor kurzem hatte ich eine preisgekrönte Erzählung zu lesen. Es ging um einen Schriftsteller, der in den Siebzigern spurlos verschwindet und um seine Tochter, Künstlerin, die dieses Verschwinden ihr Leben lang verfolgt. Eben saß er noch in seinem Dachgeschosszimmer und schrieb und dann war er für immer fort. Und die Tochter wandert durch das Zimmer, wo seine Habseligkeiten gleich Museumsstücken ausgestellt sind, nimmt in Rückblenden halluzinogene Drogen und trifft ihren Freund, macht Kunst und unterhält sich mit ihrer Mutter. In Etwa.
„The Vanishing“. Man ahnt es schon zu Beginn. Zwei Frauen sitzen im Café und wir erfahren, dass sie kurz auf Robert oder Richard oder so ähnlich zu sprechen kommen. Dann erfahren wir, dass sie das Thema wechseln und über Alltägliches sprechen, explizit Alltägliches. Über den Preis von Kartoffeln, erfahren wir. Wir sind irgendwo in Amerika der neunziger Jahre.

Ich stelle fest, dass mich das nicht an das Verschwinden erinnert. Daran, wie wir vor langer Zeit, in unserer ersten deutschen Stadt eine Familie kannten, für die es auch die erste deutsche Stadt war. Ein Ehepaar mit zwei Söhnen im Teenageralter, die leidenschaftlicher Fahrradfahrer waren. Daran, wie das Rennrad des jüngeren vor unserer Haustür einmal unbemerkt in einen Kleintransporter geladen worden war, während er, bei uns zu Besuch, beteuerte, dass es in der Gegend sicher sei und er es nicht abzusperren brauche. Daran, dass sein älterer Bruder mit seinem Vater, gebeutelt vom Alltäglichen, eine Fahrradtour nach Frankreich unternommen hatten und wir, wie nebenbei, erfuhren, dass der Vater Zigaretten holen gegangen war und nicht zurückgekehrt ist.
Es kann nicht explizit erfasst werden. Verlust ist vielleicht das Alltäglichste überhaupt.

Eine Bekannte aus der ehemaligen Sowjetunion, erzählte mir zwanzig Jahre und einen Schlaganfall später davon, wie sie nach Amerika ausgewandert war. Sie hatte gerade einen Job gefunden und angefangen, ihre neue Einzimmerwohnung in Chicago einzurichten, als bei ihr eingebrochen wurde – durch die Wand zu der Nachbarwohnung. Als sie nach Hause kam, war ihre Haustür angelehnt, es brannte Licht, auf dem Boden war Schutt und um den Kühlschrank lagen angebissene Lebensmittel. Die Einbrecher hatten Geld oder Wertgegenstände gesucht, aber außer eines Anrufbeantworters, den sie mitnahmen, gab es nichts. Der amerikanische Klischeepolizist nahm am selben Abend ein Protokoll auf, während die Frau aufgeregt um ihn herumlief und bei jeder Frage die fehlende answering machine erwähnte. Der Anrufbeantworter war eine große Investition gewesen, und von essentieller Bedeutung bei der Jobsuche. Schmuck, fragte der Polizistenriese, Geld, VHS, Stereoanlage. Sie musste jedes Mal verneinen und auf die answering machine aufmerksam machen. TV, fragte der Polizist zuletzt und als sie auch diesmal sagen musste, dass sie keinen Fernseher habe, schaute er voller mitleidiger Verwunderung von seinem Protokoll zu ihr hoch, als wäre sie das seltsamste Wesen, das ihm bisher begegnet war. Nicht einmal einen Fernseher hatte sie. Tief beeindruckt sagte er: „Wow. Such a great job for nothing“.

Familienfreunde, die seit 25 Jahren in New Jersey leben erinnern sich an so genannte deutsche Wurst, die in der Sowjetunion eine seltene Delikatesse gewesen ist. In Deutschland habe ich noch nie von einer solchen kalt geräucherten nationalen Spezialität gehört. Sie erinnern sich daran, wie es ihnen kurz vor ihrer Abreise gelungen war, eine Wurststange zu beschaffen und wie diese dann in einer Tragetasche auf dem Bahnhof geklaut worden war. 25 Jahre später erinnern sie sich an die Bitterkeit eines solchen Verlustes.

Und ich war monatelang woanders als jetzt und versuche, Vergangenes, Verlorenes und Verbliebenes zu erahnen, wobei ich die Möglichkeit hätte, mich schon morgen von meinem Vermissen zu überzeugen und nicht einmal sagen kann, was die Tüten zum Inhalt hatten.

verluste

Ich versuche mich daran zu erinnern, was ich vergessen und verloren habe, in den vielen letzten Monaten, was ich vermisse. Nummern, Adressen, Menschen, Mützen, Bücher, einen Schlafsack, mehrere Tüten, von denen ich nicht mehr weiß, welchen Inhalt diese hatten.
Auf Bahnhöfen und Tischen, in Zügen und fremden Wohnungen. Manches taucht unerwartet auf, manches unter.

Vor kurzem hatte ich eine preisgekrönte Erzählung zu lesen. Es ging um einen Schriftsteller, der in den Siebzigern spurlos verschwindet und um seine Tochter, Künstlerin, die dieses Verschwinden ihr Leben lang verfolgt. Eben saß er noch in seinem Dachgeschosszimmer und schrieb und dann war er für immer fort. Und die Tochter wandert durch das Zimmer, wo seine Habseligkeiten gleich Museumsstücken ausgestellt sind, nimmt in Rückblenden halluzinogene Drogen und trifft ihren Freund, macht Kunst und unterhält sich mit ihrer Mutter. In Etwa.
„The Vanishing“. Man ahnt es schon zu Beginn. Zwei Frauen sitzen im Café und wir erfahren, dass sie kurz auf Robert oder Richard oder so ähnlich zu sprechen kommen. Dann erfahren wir, dass sie das Thema wechseln und über Alltägliches sprechen, explizit Alltägliches. Über den Preis von Kartoffeln, erfahren wir. Wir sind irgendwo in Amerika der neunziger Jahre.

Ich stelle fest, dass mich das nicht an das Verschwinden erinnert. Daran, wie wir vor langer Zeit, in unserer ersten deutschen Stadt eine Familie kannten, für die es auch die erste deutsche Stadt war. Ein Ehepaar mit zwei Söhnen im Teenageralter, die leidenschaftlicher Fahrradfahrer waren. Daran, wie das Rennrad des jüngeren vor unserer Haustür einmal unbemerkt in einen Kleintransporter geladen worden war, während er, bei uns zu Besuch, beteuerte, dass es in der Gegend sicher sei und er es nicht abzusperren brauche. Daran, dass sein älterer Bruder mit seinem Vater, gebeutelt vom Alltäglichen, eine Fahrradtour nach Frankreich unternommen hatten und wir, wie nebenbei, erfuhren, dass der Vater Zigaretten holen gegangen war und nicht zurückgekehrt ist.
Es kann nicht explizit erfasst werden. Verlust ist vielleicht das Alltäglichste überhaupt.

Eine Bekannte aus der ehemaligen Sowjetunion, erzählte mir zwanzig Jahre und einen Schlaganfall später davon, wie sie nach Amerika ausgewandert war. Sie hatte gerade einen Job gefunden und angefangen, ihre neue Einzimmerwohnung in Chicago einzurichten, als bei ihr eingebrochen wurde – durch die Wand zu der Nachbarwohnung. Als sie nach Hause kam, war ihre Haustür angelehnt, es brannte Licht, auf dem Boden war Schutt und um den Kühlschrank lagen angebissene Lebensmittel. Die Einbrecher hatten Geld oder Wertgegenstände gesucht, aber außer eines Anrufbeantworters, den sie mitnahmen, gab es nichts. Der amerikanische Klischeepolizist nahm am selben Abend ein Protokoll auf, während die Frau aufgeregt um ihn herumlief und bei jeder Frage die fehlende answering machine erwähnte. Der Anrufbeantworter war eine große Investition gewesen, und von essentieller Bedeutung bei der Jobsuche. Schmuck, fragte der Polizistenriese, Geld, VHS, Stereoanlage. Sie musste jedes Mal verneinen und auf die answering machine aufmerksam machen. TV, fragte der Polizist zuletzt und als sie auch diesmal sagen musste, dass sie keinen Fernseher habe, schaute er voller mitleidiger Verwunderung von seinem Protokoll zu ihr hoch, als wäre sie das seltsamste Wesen, das ihm bisher begegnet war. Nicht einmal einen Fernseher hatte sie. Tief beeindruckt sagte er: „Wow. Such a great job for nothing“.

Familienfreunde, die seit 25 Jahren in New Jersey leben erinnern sich an so genannte deutsche Wurst, die in der Sowjetunion eine seltene Delikatesse gewesen ist. In Deutschland habe ich noch nie von einer solchen kalt geräucherten nationalen Spezialität gehört. Sie erinnern sich daran, wie es ihnen kurz vor ihrer Abreise gelungen war, eine Wurststange zu beschaffen und wie diese dann in einer Tragetasche auf dem Bahnhof geklaut worden war. 25 Jahre später erinnern sie sich an die Bitterkeit eines solchen Verlustes.

Und ich war monatelang woanders als jetzt und versuche, Vergangenes, Verlorenes und Verbliebenes zu erahnen, wobei ich die Möglichkeit hätte, mich schon morgen von meinem Vermissen zu überzeugen und nicht einmal sagen kann, was die Tüten zum Inhalt hatten.