kein anfang mehr

Zeit kann nur in Vergangenheitsform existieren. Die Gegenwart ist eine Gelichzeitigkeit, die Zukunft ein Wunsch nach Bestimmung.Im Judentum ist es untersagt, die Zukunft vorherzusagen. Wozu denn auch? Die einzige Zeit die uns bleibt, ist die Vergangenheit. Vergangenes kann nicht fixiert werden, es lebt in – und von – der Erinnerung.

Wie eine Kiste alter Fotos wird Geschehenes gelegentlich ausgepackt, die Bilder immer wieder neu sortiert. Jedes Mal entsteht eine neue, improvisierte Variation eines verloren gegangenen Themas. Subjekte sind zu Objektivität nicht fähig. An das Vergangene kann nicht der Maßstab absoluter Wahrheit gelegt werden.

Meine Oma verstand sich auf die Variierung des Vergangenen. Je nach Gemütsverfassung und Situation hauchte sie Geschichten Leben ein, interpretierte diese jedes Mal neu, ergriff Mal für den einen, Mal für den anderen verstrittenen Verwandten Partei, Mal schickte sie jemanden zur Hölle, dann lobte sie denselben in den Himmel. Jede dieser Versionen durchlebte sie mit solch überzeugender Leidenschaft, dass es geradezu unmöglich wurde – vor allem für sie selbst – die Tatsächlichkeit anzuzweifeln. Eine der Geschichten, die ich mehrere Dutzend Mal gehört habe, handelte davon, dass mein Vater in seiner Kindheit so brav gewesen sein soll, dass sie ihn unter der Anweisung, endlich auch mal Unfug, wie die anderen Jungen im Hof zu treiben und sich auch mal die Hosen dreckig zu machen, aus der Wohnung aussperrte. Mein Vater aber soll ruhig vor der Tür gewartet haben, bis sie ihn reinlassen und Geige üben lassen würde. Die ausschmückenden Details wurden immer wieder abgewandelt. Die Teile ihrer Erzählungen mit wörtlicher Rede blieben grundsätzlich keine zwei Mal gleich. So manche Geschichte hätte meine Oma streng genommen gar nicht bezeugen können, da sie nicht dabei gewesen sein kann. Im Lafe der Zeit hat sie ihren Lebensweg, die Ereignisse in ihrem Umfeld, die Geschichte meiner Familie immer wieder neu interpretiert. Meine Oma war eine Frau der großen Gesten. Ihr emotionaler Lautstärkeregeler war immer voll aufgedreht.

Je mehr ich an sie denke, desto klarer wird mir, wie wenig ich sie eigentlich kannte, außerhalb ihrer eigenen widersprüchlichen Erinnerungen, die in meine übergegangen sind.

Knapp ein Viertel ihres Lebens habe ich begleitet. Als das prägendste Viertel – ihre Kindheit und Jugend – bereits unüberwindlich unter den unzählichen Möglichkeiten und Auslassungen, in Überschneidungen und Widersprüchen verschüttet war. Meine Oma hatte die Angewohnheit süßes und salziges vermischt aufzubewahren.

Mit der Evakuation vor der deutschen Besatzung aus Kiew kurz vor der Ermordung der Juden in Babij Jar, der Flucht – gößtenteils zu Fuß -, der harten Lebensbedingungen im und nach dem Krieg teilt sie das grausame Schicksal so vieler, dass sich daraus kaum etwas individuelles – ihre Persönlichkeit herauslesen lässt. Nur im Leid sind wir alle gleich.

Meine Oma hatte viele einzigartige Eigenschaften. Sie hatte eine immense Vorstellungskraft und ein mitreißendes Temperament. Sie kannte nicht nur schonungsloses Mitgefühl und Fürsorge, sie schaffte sich auch die Ursachen dafür.

Sie hätte eine brilliante Schauspielerin werden können. Meine Oma hatte auch eine besondere Art, sich auszudrücken. Sie war froh, wie eine Lokomotive und schwieg, wie ein Schäfchen. Sie beteuerte immer, dass sie nichts für sich brauche, nur unser Glück wäre ihre Freude. Und Gesundheit.

Alleine, mit wechselnden Lebenspartnern, zog sie zwei Kinder groß. Nach Jahren des Hungers und der Armut, nach Jahrzehnten anspruchsloser Arbeit in einer Fabrik und unermüdlichen Tauschgeschäften auf dem Schwarzmakt erfuhr meine Oma bei der Umsiedlung nach Deutschland aus Dokumenten, dass sie ihr ganzes bisheriges Leben an einem falschen Tag Geburtstag gefeiert hatte.

Meine Oma hatte zwei Geburtstage und nur einen Tod. Ausgerechnet am 9. Mai, am “Tag des Sieges”, hat ihr Herz aufgegeben. Es sind nicht die Worte, die fehlen, es ist alles weitere.

Die Vergangenheit ist die einzige Zeit, die uns bleibt. Immerzu neue Variationen der Erinnerung. Und die Unmöglichkeit, dieser Erinnerung auch nur einen weiteren Moment ihrer Freude hinzuzufügen.