Anna Jablonskaja – Von Prometheus und Buchenwald

Von Prometheus und Buchenwald

Anna Jablonskaja

Wir werden immer zur falschen Zeit geboren, unter Qualen und ohne ersichtlichen Grund.
Nichts lernen wir aus der Erfahrung, die über Generationen angesammelt wurde.
Dass wir jahrhundertealte Erinnerung mit der Muttermilch aufsaugen, ist ein Hirngespinst. Nichts anderes saugen wir auf, als Kalzium und Zärtlichkeit.
Wir sind nackt und haben nichts.
Wie die Höhlenmenschen müssen wir selbst den Stock in die Hände nehmen, den Stein wetzen, das Feuer entfachen. Kein Prometheus wird das für uns machen. Prometheus hat eine Menge anderer Sorgen. Prometheus füttert den Adler mit Leber. Im Laufe der Jahrtausende hat er sich mit dem schwarzschnäbligen Vogel angefreundet, der – wenn er nicht gerade Leber frisst – den Buddha auf seinen Flügeln trägt. Prometheus und Buddha bitten den Adler ständig darum, vorsichtig zu sein. Trotz des Roten Buches und des Schießverbots auf Raubvögel ist das Fliegen gefährlich geworden. Und dann sind da noch die Stromleitungen…
Nun denn.
Alles müssen wir selber machen.
Es stimmt nicht, dass das Fahrrad bereits erfunden worden ist. In Wirklichkeit besteht der Sinn des Lebens doch gerade darin, sein eigenes Fahrrad zu erfinden – und wenn es auch nur ein Dreirad ist. Und sollte es einem dann gelungen sein, ein paar Runden damit zu drehen, kann man sich glücklich schätzen.
Es ist leichter, wenn einem etwas fehlt. Das bedeutet, dass man danach streben muss. Wenn es an nichts fehlt, ist unklar, wie man leben soll.
Dumme Zeiten.
Man darf alles sagen, was man will. Fast alles. Man darf hin, wo immer man hin will. Und das bei völliger Orientierungslosigkeit. Es darf alles gelesen werden. Schade.
Schade, dass mir keiner das verbotene Buch von N. für eine Nacht geben wird, für 5 Rubel, nach meinem Schwur, keine Kopien davon zu machen, und wenn doch – dann für 10 Rubel. Ich kann in einen Buchladen gehen, in eine Bücherei, ins Internet und alles lesen, was ich will. Aber ich will nichts lesen. Weil alles, was dort geschrieben steht, überhaupt keinen Bezug zu mir hat.
Ich lebe auf einer Insel. Und ich bin rastlos. Jeder Odysseus, der was auf sich hält, ist dazu verpflichtet, irgendwann einmal Richtung Ithaka in See zu stechen.
Was habe ich von der Karte in meinen Händen, wenn mir der Maßstab unbekannt ist. Außerdem weiß ich nicht, wie man einen Kompass bedient, wie man in den Himmel schaut, wo das Kreuz des Südens und wo der Kleine Bär ist.
Ich muss die Sternbilder von Neuem entdecken und benennen. Alles muss ich von Neuem machen.
Es wird gesagt: der Mensch sei zum Mond geflogen. Welcher Mensch? Wer ist geflogen? Niemand ist geflogen.
Ein Mensch – das bin ich. Und ich erkläre mit absoluter Gewissheit, dass ich nirgendwohin geflogen bin. Ich weiß nicht einmal, wozu es überhaupt einen Mond gibt, und was Flut und Ebbe damit zu tun haben. Erzählt mir keine Märchen. Die Erfahrung irgendeines Neil Armstrong, der angeblich auf der Oberfläche des Mondes spazieren gegangen sein soll, sagt mir gar nichts. Ich war nicht einmal auf dem benachbarten Kontinent. Erzählt mir nicht, dass auch dort Menschen leben. So blöd bin ich nicht, dass ich dem Fernseher glaube. Erst recht nicht, weil ich keine Ahnung habe, wie er funktioniert.
Das Studieren von Altersfalten ist, genauso wie der Versuch, die Sprache der Geschichte zu entschlüsseln, eine undankbare Beschäftigung. Die Chiffriermaschinen arbeiten einwandfrei. Jedes Mal ein neuer Code. Wir werden nicht dahinter kommen. Der Grund besteht darin, dass die Sprache der Geschichte nichts anderes ist, als wir selbst. Die Geschichte spricht durch uns. Wir selbst sind ihre Buchstaben, ihre Worte. Und insgesamt sind wir ein Manuskript, das nicht in der Lage ist, sich selbst zu lesen.
Ich schaue in die Augen eines vorüber gehenden alten Mannes, der mit Orden behängt ist, wie mit Äpfeln, die ihn zu Boden ziehen. Ich schaue auf den Bildschirm – Hiroshima wird gesprengt. Ich lese über die Schlacht von Stalingrad, und sie ist für mich wie die Schlacht auf dem Peipussee. Und ich habe nach wie vor keine Ahnung vom Krieg.
So, als hätte es keinen gegeben.
Stundenlang schaut mein Liebster Dokumentaraufnahmen von faschistischen Paraden in schwarz-weiß. Es gefällt ihm, wie der rechte Arm der Masse emporschnellt. Als ob diese Masse nur einen Arm hätte, und nicht Hunderte von Tausenden, nicht Millionen von rechten Armen. Ich denke nicht, dass ihm der Faschismus gefällt. Ihm gefällt diese planmäßige Ordnung, diese organisierte Begeisterung. So etwas kommt selten vor.
Unser linker Arm gegen ihren im Hitlergruß hochgeworfen rechten. Der linke besiegt den rechten. Ein paradoxes Armdrücken. Es scheint, dass das einzige im Leben gültige Gesetz das Gesetz des Paradoxons ist.
Ich habe nichts gelernt, aus den Paraden, den Explosionen, von diesem alten Mann. Ich kannte mal einen. Er hat in einem Strafbataillon gedient. Ist bis Berlin gekommen. War in Buchenwald. „Die Öfen“, sagt er, „waren noch warm“. Und lächelt. Zu Recht. Was kann man da sagen? Kann ich das etwa begreifen?
Als Erstsemestlerin war ich sehr knapp bei Kasse. Das Geld reichte gerade mal für die Fahrt in einem zerbeulten Minibus mit der Nummer 127. Er fuhr mich zur Alma Mater. Einmal, fast an meiner Haltestelle angekommen, merkte ich, dass ich die Fahrt nicht bezahlen konnte. Der abgeriebene Geldbeutel aus Stoff war nicht in meiner Handtasche aufzufinden. Ich durchwühlte die Tasche mehrmals unter dem löchrigen Innenfutter, leerte mir ihren gesamten Inhalt in den Schoß und brach mutlos in Tränen aus.
Vor mir lagen ein Stift, ein Kamm, ein Block, eine Audiokassette und ein Bonbon. Geld war nicht dabei. Die um mich herum stehenden Fahrgäste beobachteten schweigend, wie mein Gesicht tiefrot anlief. Und auf einmal näherte sich mir ein glatzköpfiger untersetzter alter Mann mit bunt gestreiften Abzeichen auf seiner Jacke, steckte mir eine Handvoll dunklen Kupfers zu und entfernte sich leise. Ich versuchte, ihm das Geld zurück zu geben, weil es noch schlimmer war, Geld von einem Rentner im Bus anzunehmen, als mich vor dem Busfahrer zu rechtfertigen. Doch der Wohltäter verschwand in den Tiefen des Kleinbusses. Der Kriegsveteran wollte nicht diskutieren. Er tat einfach, was er tat.
Ich erzähle von dieser Begebenheit deswegen, weil alles, was nicht mir passiert, im Grunde genommen keine Bedeutung hat. Da ich auch nicht versuchen würde, mir den Krieg mithilfe von Filmen und Büchern vorzustellen, bedeuten diese Treubrüche und Trauerfeiern, dieser Heldentum und diese großen Taten für mich weniger als jene Tat im Bus. Sie hat mir unmittelbar und sehr eindringlich die Vergangenheit vor Augen geführt. Ich habe gespürt, wie die Soldaten der Sowjetrepublik ein halbes Jahrhundert zuvor waren, wie sie der Logik und allen Gesetzen des gesunden Menschenverstandes zufolge nicht hätten siegen können – und dann doch gesiegt haben.
Nun ist mir klar, warum.
Der linke Arm weiß nicht, was der rechte tut.
Ist es nötig, davon zu erzählen, wie ich einige Jahre nach dem Vorfall im Bus einen anderen Frontkämpfer voller Orden sah, zu dessen Füßen auf dem Gehsteig eine zerschlissene Mütze lag und der es, den knochigen Körper kerzengerade aufgerichtet, nicht wagte, den Vorbeigehenden ins Gesicht zu schauen?
Der Sieg war billig. Er war geschenkt, bloß weil niemand es gewagt hatte, einen angemessenen Preis zu nennen.
Worüber soll man überhaupt schreiben, wenn man nicht einmal richtig gelebt hat?
Gedankenfetzen – das ist alles, was ich auf diesem Papier, in dieser Minute, an diesem Tag hinterlassen kann. Ein bescheidenes Vermächtnis.
Das erste, was ein Mensch beim Einsteigen in den Bus mit der Fahrstrecke „Leben“ sieht, ist das Schild: „Zahlung der Fahrtkosten erfolgt beim Ausstieg“. Der Preis hängt davon ab, wo man aussteigt.
Zu viele Metaphern aus dem Verkehrswesen.
Zu viel jugendliche Maßlosigkeit bei mäßiger Jugend.
Zu viel davon, was ein Tagebucheintrag, jedoch nicht Literatur genannt werden kann.
Und nun?
Nun werde ich versuchen, öfter in den Himmel zu schauen. Vielleicht wird es mir eines Tages gelingen, den Adler zu sehen, der an Prometheus’ Leber pickt und auf seinem Rücken den Buddha trägt. Wenn ich ehrlich bin, glaube ich weder an den einen, noch an den anderen.
Aber an Adler glaube ich. Ich habe welche im Lehrbuch für Biologie gesehen.

(aus dem Russischen übersetzt von Irina Bondas)

Quelle: Nowaja Gazeta

Die junge Dramatikerin Anna Jablonskaja zählte zu den vielversprechendsten russischsprachigen Stimmen ihrer Generation. Am 24. Januar 2010, aus ihrer Heimatstadt Odessa in Moskau gelandet, um einen Literaturpreis entgegen zu nehmen, kam sie bei dem Anschlag auf Domodedowo ums Leben.
Sie hat unter anderem zahlreiche dramatische Texte und mehrere Essays – unter anderem diesen in der politisch unabhängigen Zeitung Nowaja Gazeta veröffentlichten – hinterlassen. In ihrem Blog hatte sie kurz vor ihrem Tod gepostet, sie habe das Gefühl, dass ihr nur wenig Zeit bliebe.