austausch

Liebe A,

Die Antworten auf Deine und sonstige Fragen, die ich Dir nicht hätte geben können, auch nicht in einem Brief, den ich nie verfassen würde. Briefe üben doch immer Vergeltung an der Vergänglichkeit.
Schließlich ist knapp ein halbes Jahr vergangen und ich immer und noch weg, aus der Überachtmillionenstadt. Ich nehme an, so etwas wie Rückflüge gibt es in Wirklichkeit gar nicht.

Von Dir habe ich gelernt. Auch, dass andere das Wichtigste zuerst schreiben.
Und Dankbarkeit habe ich gelernt. Könnte ich entscheiden, gäbe es Dankbarkeit als Schulfach.
Die Härte, mit der ich zusammentraf, war und bleibt eigene Naivität.

Mein Freund aus New Jersey mit einem russischen und einem amerikanischen Vornamen sagte einmal, je weiter man von Zuhause weg sei, desto mehr würde man sich von der eigenen Vorhersagbarkeit entfernen.
Am härtesten trifft es, das gewohnt Sichere nicht mehr zu finden. Und wie verwöhnt ich bin!
Nicht das Fremde erschreckt uns. Was wir am Vertrauten vermissen, ist das Vertrauen darin.

Lebensumstände sind lediglich Symptome.
Die kleine, frustrierte Frau, die vor meiner – ihrer – Mietzimmertür rumorte und misstrauisch kontrollierte, wohin ich ging, wann ich wiederkam und was ich tat; Lebenshaltungskosten – ein derart deutsches Wort verliert woanders an Bedeutung; Die Abstände und das Verkehrsnetz, die Egozentriertheit Manhattans, die morgendlich überfüllten Busse, deren Busfahrer täglich durch die Lautsprecher schrien, sie wüssten genau, dass hinten noch Platz sei; Das routinierte Anschmiegen an fahrende Fremde; Die Hektik und Anforderungshöhe.

Der Schulfreund meines Freundes aus New Jersey ist so, wie sich Deutsche den typischen Amerikaner vorstellen. Vor allem, weil der angehende Doktor in Psychologie die meiste Zeit sehr laut darüber referiert, wie ignorant typische Amerikaner anderen Kulturen gegenüber seien. Essen scheint dabei die stärkste Manifestation von Kultur zu sein. Eingebettet in Monologe über Speise- und Reisevorlieben der Amerikaner schweifte er einmal verhältnismäßig kurz zu einem Exkurs über die menschliche Schmerzwahrnehmung ab. Laut Untersuchungen bevorzugen Menschen lang anhaltenden Schmerz dem kurzzeitigen, da das Gehirn am stärksten das Eintreten registriert.
Es ist also der Kontrast des Übergangs, der uns spüren lässt – salopp ausgedrückt.
Die vorhersagbaren Wechsel sind in den Griff zu bekommen, was aber passiert mit dem Ungreifbaren. Die Wärme. Woher kommt sie?

Auf einmal wurde mir der Grund für jegliche Rechtfertigungen wie unter den Füßen weggezogen. Hier bestehen keine Erklärungen für Entschuldigungen und umgekehrt.
Seite an Seite, die Nase in etwas Fremden, je nach Höhe, in Einem Zug merkwürdiger Verschiedenheiten. Das hat meine Schichten, wie Du es nanntest, gnadenlos geebnet.
Peinlich berührt musste ich einige Angewohnheiten aufgeben. Der Klang von Erfahrung ist blaß geworden, auch der von Helfen und von Retten. Besorgt musste ich feststellen, dass Sorge offensichtlich nicht überall Zuspruch findet. Und Zuspruch ist doch der Kamm des Verwirrten!

„Kultur, was ist das, Kultur?“, fragt mich der einstige Tänzer und derzeitige Alkoholiker Friedrich, während wir in Brighton Beach an einem Spielplatz vorbeilaufen, auf dem betrunkene russische Männer Schach spielen. Er deutet in ihre Richtung und fragt: “Bist Du darauf stolz?“
Ich habe ihm nicht geantwortet, dass Kultur möglicherweise die Nebenwirkung von Arbeitsprozessen ist. Dafür weiß ich weder von Kultur noch von Arbeit genug.
Als ich noch hier – schon dort – war, wurde Pessach, das Fest der Immigration, gefeiert. Wie unterschätzt es ist, dass zu Befreiung mehr gehört, als das Verlassen. Mehr noch, als das Erreichen.
Der Ausgang aus der Gefangenschaft ist wahrscheinlich die persönlichste und einsamste Wanderung.

Als ich etwa vier war soll ich meine Mutter gefragt haben: „Wie kannst du mich trösten?“
Meine Schwester war gerade für einen Monat in einem Zug nach Moskau abgefahren.
Zahlreiche Züge sind seitdem abgefahren.
„Wie kannst du mich trösten?“, fragte ich die Überachtmillionenstadt. Nachdem ich an- und alles anders kam, nachdem ich 40 Blocks im einzigen Schneesturm des Jahres gelaufen war, nachdem ich meine Überwältigung bewältigt hatte und gerade noch Zeit genug bleib, mein neues Vermissen zu antizipieren.
Weil doch alle unvorhersagbaren Dinge der Zeit unterworfen sind.
Ich begriff etwas mehr, dass es nicht möglich ist Berührungen festzuhalten.
Wie kannst du mich trösten?
Und die Überachtmillionenstadt summt.

Immer Deine.

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