austausch

Liebe A,

Die Antworten auf Deine und sonstige Fragen, die ich Dir nicht hätte geben können, auch nicht in einem Brief, den ich nie verfassen würde. Briefe üben doch immer Vergeltung an der Vergänglichkeit.
Schließlich ist knapp ein halbes Jahr vergangen und ich immer und noch weg, aus der Überachtmillionenstadt. Ich nehme an, so etwas wie Rückflüge gibt es in Wirklichkeit gar nicht.

Von Dir habe ich gelernt. Auch, dass andere das Wichtigste zuerst schreiben.
Und Dankbarkeit habe ich gelernt. Könnte ich entscheiden, gäbe es Dankbarkeit als Schulfach.
Die Härte, mit der ich zusammentraf, war und bleibt eigene Naivität.

Mein Freund aus New Jersey mit einem russischen und einem amerikanischen Vornamen sagte einmal, je weiter man von Zuhause weg sei, desto mehr würde man sich von der eigenen Vorhersagbarkeit entfernen.
Am härtesten trifft es, das gewohnt Sichere nicht mehr zu finden. Und wie verwöhnt ich bin!
Nicht das Fremde erschreckt uns. Was wir am Vertrauten vermissen, ist das Vertrauen darin.

Lebensumstände sind lediglich Symptome.
Die kleine, frustrierte Frau, die vor meiner – ihrer – Mietzimmertür rumorte und misstrauisch kontrollierte, wohin ich ging, wann ich wiederkam und was ich tat; Lebenshaltungskosten – ein derart deutsches Wort verliert woanders an Bedeutung; Die Abstände und das Verkehrsnetz, die Egozentriertheit Manhattans, die morgendlich überfüllten Busse, deren Busfahrer täglich durch die Lautsprecher schrien, sie wüssten genau, dass hinten noch Platz sei; Das routinierte Anschmiegen an fahrende Fremde; Die Hektik und Anforderungshöhe.

Der Schulfreund meines Freundes aus New Jersey ist so, wie sich Deutsche den typischen Amerikaner vorstellen. Vor allem, weil der angehende Doktor in Psychologie die meiste Zeit sehr laut darüber referiert, wie ignorant typische Amerikaner anderen Kulturen gegenüber seien. Essen scheint dabei die stärkste Manifestation von Kultur zu sein. Eingebettet in Monologe über Speise- und Reisevorlieben der Amerikaner schweifte er einmal verhältnismäßig kurz zu einem Exkurs über die menschliche Schmerzwahrnehmung ab. Laut Untersuchungen bevorzugen Menschen lang anhaltenden Schmerz dem kurzzeitigen, da das Gehirn am stärksten das Eintreten registriert.
Es ist also der Kontrast des Übergangs, der uns spüren lässt – salopp ausgedrückt.
Die vorhersagbaren Wechsel sind in den Griff zu bekommen, was aber passiert mit dem Ungreifbaren. Die Wärme. Woher kommt sie?

Auf einmal wurde mir der Grund für jegliche Rechtfertigungen wie unter den Füßen weggezogen. Hier bestehen keine Erklärungen für Entschuldigungen und umgekehrt.
Seite an Seite, die Nase in etwas Fremden, je nach Höhe, in Einem Zug merkwürdiger Verschiedenheiten. Das hat meine Schichten, wie Du es nanntest, gnadenlos geebnet.
Peinlich berührt musste ich einige Angewohnheiten aufgeben. Der Klang von Erfahrung ist blaß geworden, auch der von Helfen und von Retten. Besorgt musste ich feststellen, dass Sorge offensichtlich nicht überall Zuspruch findet. Und Zuspruch ist doch der Kamm des Verwirrten!

„Kultur, was ist das, Kultur?“, fragt mich der einstige Tänzer und derzeitige Alkoholiker Friedrich, während wir in Brighton Beach an einem Spielplatz vorbeilaufen, auf dem betrunkene russische Männer Schach spielen. Er deutet in ihre Richtung und fragt: “Bist Du darauf stolz?“
Ich habe ihm nicht geantwortet, dass Kultur möglicherweise die Nebenwirkung von Arbeitsprozessen ist. Dafür weiß ich weder von Kultur noch von Arbeit genug.
Als ich noch hier – schon dort – war, wurde Pessach, das Fest der Immigration, gefeiert. Wie unterschätzt es ist, dass zu Befreiung mehr gehört, als das Verlassen. Mehr noch, als das Erreichen.
Der Ausgang aus der Gefangenschaft ist wahrscheinlich die persönlichste und einsamste Wanderung.

Als ich etwa vier war soll ich meine Mutter gefragt haben: „Wie kannst du mich trösten?“
Meine Schwester war gerade für einen Monat in einem Zug nach Moskau abgefahren.
Zahlreiche Züge sind seitdem abgefahren.
„Wie kannst du mich trösten?“, fragte ich die Überachtmillionenstadt. Nachdem ich an- und alles anders kam, nachdem ich 40 Blocks im einzigen Schneesturm des Jahres gelaufen war, nachdem ich meine Überwältigung bewältigt hatte und gerade noch Zeit genug bleib, mein neues Vermissen zu antizipieren.
Weil doch alle unvorhersagbaren Dinge der Zeit unterworfen sind.
Ich begriff etwas mehr, dass es nicht möglich ist Berührungen festzuhalten.
Wie kannst du mich trösten?
Und die Überachtmillionenstadt summt.

Immer Deine.

verluste

Ich versuche mich daran zu erinnern, was ich vergessen und verloren habe, in den vielen letzten Monaten, was ich vermisse. Nummern, Adressen, Menschen, Mützen, Bücher, einen Schlafsack, mehrere Tüten, von denen ich nicht mehr weiß, welchen Inhalt diese hatten.
Auf Bahnhöfen und Tischen, in Zügen und fremden Wohnungen. Manches taucht unerwartet auf, manches unter.

Vor kurzem hatte ich eine preisgekrönte Erzählung zu lesen. Es ging um einen Schriftsteller, der in den Siebzigern spurlos verschwindet und um seine Tochter, Künstlerin, die dieses Verschwinden ihr Leben lang verfolgt. Eben saß er noch in seinem Dachgeschosszimmer und schrieb und dann war er für immer fort. Und die Tochter wandert durch das Zimmer, wo seine Habseligkeiten gleich Museumsstücken ausgestellt sind, nimmt in Rückblenden halluzinogene Drogen und trifft ihren Freund, macht Kunst und unterhält sich mit ihrer Mutter. In Etwa.
„The Vanishing“. Man ahnt es schon zu Beginn. Zwei Frauen sitzen im Café und wir erfahren, dass sie kurz auf Robert oder Richard oder so ähnlich zu sprechen kommen. Dann erfahren wir, dass sie das Thema wechseln und über Alltägliches sprechen, explizit Alltägliches. Über den Preis von Kartoffeln, erfahren wir. Wir sind irgendwo in Amerika der neunziger Jahre.

Ich stelle fest, dass mich das nicht an das Verschwinden erinnert. Daran, wie wir vor langer Zeit, in unserer ersten deutschen Stadt eine Familie kannten, für die es auch die erste deutsche Stadt war. Ein Ehepaar mit zwei Söhnen im Teenageralter, die leidenschaftlicher Fahrradfahrer waren. Daran, wie das Rennrad des jüngeren vor unserer Haustür einmal unbemerkt in einen Kleintransporter geladen worden war, während er, bei uns zu Besuch, beteuerte, dass es in der Gegend sicher sei und er es nicht abzusperren brauche. Daran, dass sein älterer Bruder mit seinem Vater, gebeutelt vom Alltäglichen, eine Fahrradtour nach Frankreich unternommen hatten und wir, wie nebenbei, erfuhren, dass der Vater Zigaretten holen gegangen war und nicht zurückgekehrt ist.
Es kann nicht explizit erfasst werden. Verlust ist vielleicht das Alltäglichste überhaupt.

Eine Bekannte aus der ehemaligen Sowjetunion, erzählte mir zwanzig Jahre und einen Schlaganfall später davon, wie sie nach Amerika ausgewandert war. Sie hatte gerade einen Job gefunden und angefangen, ihre neue Einzimmerwohnung in Chicago einzurichten, als bei ihr eingebrochen wurde – durch die Wand zu der Nachbarwohnung. Als sie nach Hause kam, war ihre Haustür angelehnt, es brannte Licht, auf dem Boden war Schutt und um den Kühlschrank lagen angebissene Lebensmittel. Die Einbrecher hatten Geld oder Wertgegenstände gesucht, aber außer eines Anrufbeantworters, den sie mitnahmen, gab es nichts. Der amerikanische Klischeepolizist nahm am selben Abend ein Protokoll auf, während die Frau aufgeregt um ihn herumlief und bei jeder Frage die fehlende answering machine erwähnte. Der Anrufbeantworter war eine große Investition gewesen, und von essentieller Bedeutung bei der Jobsuche. Schmuck, fragte der Polizistenriese, Geld, VHS, Stereoanlage. Sie musste jedes Mal verneinen und auf die answering machine aufmerksam machen. TV, fragte der Polizist zuletzt und als sie auch diesmal sagen musste, dass sie keinen Fernseher habe, schaute er voller mitleidiger Verwunderung von seinem Protokoll zu ihr hoch, als wäre sie das seltsamste Wesen, das ihm bisher begegnet war. Nicht einmal einen Fernseher hatte sie. Tief beeindruckt sagte er: „Wow. Such a great job for nothing“.

Familienfreunde, die seit 25 Jahren in New Jersey leben erinnern sich an so genannte deutsche Wurst, die in der Sowjetunion eine seltene Delikatesse gewesen ist. In Deutschland habe ich noch nie von einer solchen kalt geräucherten nationalen Spezialität gehört. Sie erinnern sich daran, wie es ihnen kurz vor ihrer Abreise gelungen war, eine Wurststange zu beschaffen und wie diese dann in einer Tragetasche auf dem Bahnhof geklaut worden war. 25 Jahre später erinnern sie sich an die Bitterkeit eines solchen Verlustes.

Und ich war monatelang woanders als jetzt und versuche, Vergangenes, Verlorenes und Verbliebenes zu erahnen, wobei ich die Möglichkeit hätte, mich schon morgen von meinem Vermissen zu überzeugen und nicht einmal sagen kann, was die Tüten zum Inhalt hatten.

Queens

Eine Bushaltestelle an der Continental Avenue, Queens.

PERSONEN

Gruppe Menschen
Bus
großgewachsener Mann
bärtige Verrückte
junges Mädchen
ich

Es ist spät, kalt und sehr windig.
Eine Gruppe Menschen wartet auf den Bus. Die meisten haben sich in die Eingangshalle einer Bank gestellt.

(Eine kleine Frau am Eingang, die sich gerade ihre Zigarette angezündet hat, macht mir auf.)

Die bärtige Verrückte, die hier wohnt kratzt sich durch die Lagen ihrer Kleidung und murmelt etwas Unverständliches. Von innen beobachten die Wartenden, die von einem Grocery Store und einer 24-Studen Drogerie beleuchtete Straße. Die Gnadenlosigkeit der Witterungsverhältnisse erinnert an einen Western, als könnte gleich ein Steppenläufer vorbei rollen.
Es weht Verpackungsmüll über den Asphalt. Der breitschultrige, großgewachsene Mann in Hoodie lehnt an der Haltestelle. Eingemummt und vorgebeugt kaut er an einem Burger. Der Bus fährt heran, kommt zum stehen und öffnet die vordere Tür. Die Wartenden stellen sich an. Das Handy des Mannes klingelt während des Einsteigens.

Mann: [steigt in ein und setzt sich auf einen der Sitze im hinteren Bereich des Busses]: Hallo.
Mann: Hallo?
Mann: Hallo?
Mann: Ich hör dich schlecht.
Mann: Ich steige jetzt in den Bus.
Mann: Ich war auf der Arbeit.
Mann Hallo?
Mann: Wer hat dir gesagt, ich war im Fitnesstudio?
Mann: Ich hör dich nicht.
Mann: Ich bin im Bus.
Mann: Ich fahre jetzt heim.
Mann: Was machst du?
Mann: Wo bist du?
Mann: Hallo?
Mann: Du bist im Arsch.
Mann: Hallo?
Mann: Du bist im Arsch.
Mann: Ich hör dich nicht.
Mann: Kannst du mich hören.
Mann: Was machst du?
Mann: Du bist im Arsch.
Mann: Ich war so angepisst, ich habe ihnen alles erzählt.
Mann: Hallo?
Mann: Sie wissen alles.
Mann: Was wirst du jetzt machen?
Mann: Hallo?
Mann: Wo bist du?
Mann: Wo willst du jetzt hin?
Mann: Mann, ich war so angepisst, du bist im Arsch, sag ich dir.
Mann: Hörst du mich?
Mann: Du bist im Arsch.
Mann: Sie wissen alles, ich habe ihnen alles erzählt.
Mann: Du bist im Arsch, hörst du mich?
Mann: Wo bist du jetzt?
Mann: Wo willst du jetzt hingehen?
Mann: Du kannst da nicht hin.
Mann: [Stimme wird zunehmend lauter]Du bist im Arsch.
Mann: Hörst du mich? [steht auf und geht an die Tür des Busses]
Mann: Da kannst du nicht hin. Ich habe ihr alles erzählt. Wo willst du hingehen?
Mann: Zu meiner Mutter kannst du nicht.
Mann: Ich sagte, ich habe ihnen alles erzählt.
Mann: Nein, da kannst du nicht hin.
Mann: Das wirst du nicht, ich werde es verhindern.
Mann: Zu mir kannst du nicht.
Mann: Hallo?
Mann: Du bist im Arsch.
Mann: Nein, zu meiner Mutter kannst du nicht.
Mann: Kannst du mich hören?
Mann: Da kannst du nicht hin. Was willst du jetzt tun?
Mann: Nein, habe ich gesagt.
Mann: Meine Mutter liebt mich mehr als dich.
Mann: Wo willst du jetzt hingehen?
Mann: Wenn du zu ihr gehst, bring ich sie um.
Mann: Und dich.
Mann: Hallo? Kannst du mich hören?
Mann: Verstehst du mich?
Mann: Was willst du jetzt tun?
Mann: Wo willst du hin?
Mann: Du kannst nirgendwo hingehen. Du bist im Arsch.
Mann: Ich war so angepisst, ich habe ihnen alles erzählt.
Mann: Hallo?
Mann: Wo willst du jetzt hin?
Mann: Nein, da kannst du nicht hin, ich habe ihnen alles erzählt.
Mann: Du kannst nicht nach Costa Rica, die werden dich nicht rein lasse. Du bist im Arsch.
Mann: Nein, ich habe alles erzählt.
Mann: Hast du mich verstanden?
Mann: Du kommst nicht zu mir.
Mann: Was willst du tun?
Mann: Hast du mich verstanden? Wo willst du jetzt hin? Du kannst nirgendwo hin.
Mann: Ok, du holst mich jetzt ab. Nein, ich bin im Bus [läuft zum Vorderteil des Busses, schaut durchs Fenster]
Mann: Ich weiß es nicht, ich fahre mit dem Bus.
Mann: Du holst mich sofort ab.
Mann: Du wartest auf mich an der Bushaltestelle. Verstanden?
Mann: Ich weiß nicht wo wir sind [versucht durch das Fenster die Name der Straße zu entziffern]
Mann: Ich weiß es nicht. Du holst mich nicht ab. Du kannst nicht zu mir.
Mann: Nein, du wirst nicht zu mir kommen. [läuft umher]
Mann: Ich will dich nicht mehr sehen.
Mann: Wo willst du jetzt hin?
Mann: Hallo?
Mann: Was willst du jetzt tun?
Mann: Du kannst nirgendwo hin, zu mir bestimmt nicht.
Mann: Nein, die werden dich nicht reinlassen. Ich habe alles gesagt, verstanden?
Mann: Weil du eine dumme Schlampe bist, verstanden? Niemand wird eine Schlampe wie dich reinlassen, verstanden?
Mann: Was willst du tun?
Mann: Wo gehst du jetzt hin? Ich will dich nicht mehr sehen. Ich will dein dummes Gesicht nie mehr sehen.
Mann: Verstanden? Hallo? Verstanden?
Mann: Wo willst du jetzt hin? Du hast niemanden.
Mann: Ich will das nicht, weil keiner ein Kind von einer dummen Schlampe wie dir will.
Mann: Was willst du jetzt tun?

Der Bus hält.

(Ich wende mich von den erschreckten Gesichtern der anderen Passagiere ab, um auszusteigen.)

Ein Mädchen mit langen, dunklen Haaren stürmt aus der Tür und rennt vor dem Bus über die Straße. Rennt, rennt, wie befreit.
Eine Ecke weiter hat die Dunkelheit eines Hauseingangs sie schon verschluckt.
In einem der Gebäudekomplexe der Plattenbausiedlung, hinter deren Fenster ein ganzes Heer beherbergt sein muss – an Müttern.

nyc

zu-rück-sicht

Ich habe hier eine Bekannte, A. Vor kurzem hat A Rückenprobleme bekommen. Erst hatte sie gedacht, es würde irgendwie gehen, aber bei jeder Bahnfahrt zur Arbeit wurde es immer schlimmer.
Am Tag, als es unerträglich wurde zu laufen und zu sitzen und die Tränen sich völlig unaufgefordert über aufgestauten Selbstmitleid ergossen, war es grau, oder es war nur ihre Laune, und sie hatte eine Pflichtveranstaltung einer internationalen Organisation zu besuchen, welche sich wohl darauf spezialisiert, für ein zweiseitiges Formular mit einer vierstelligen Nummer, welches für ein US-Visum nötig ist, vierstellige Bearbeitungsgebühren abzurechnen und anschließend eine Pflichtveranstaltung zu organisieren.

Sie erfuhr bei der Vorstellungsrunde: dass ihr österreichischer Banknachbar aus einer Consulting-Agency nach einer Woche Aufenthalt in den USA aus seiner WG geflogen war, weil er am ersten Abend ein Mädchen mitgebracht hatte. Bei dem anschließenden Quiz: “Was passiert, wenn ich gegen die Regelungen meines J1-Visums verstoße?” verkniff sie sich den Vorschlag: “Electrocution”. Gefängnis war immerhin dabei.
Nach der Auskunft über die Bedingungen der Auslandsversicherung (vor der Ohnmacht oder einem Atemstillstand sollte man sichergehen, dass die Klinik die Gruppe First Health, und nicht etwa Health First, akzeptiert) entschied sie sich – ermutigt durch quälende Scherzen eines eingeklemmten Rückennervs und die vage Vermutung, permanent verarscht zu werden, diese graue Theorie anzuwenden.
Mit steifem Humpeln verließ sie den Raum vorzeitig, um sich Auskunft darüber zu verschaffen, welche Krankenhäuser in New York überhaupt die besagte Krankenversicherung akzeptierten.

Das Bewusstwerden der Fortbewegung, jedes Schritts erschien belastend und das anfängliche Kieferzusammenpressen des stolzen Guerrillakämpfers ging in beleidigtes Schmollen auf die Ungerechtigkeit der Schwerkraft über.
Nachdem A. insgesamt zwei Krankenhäuser im Staate New York ausfindig gemacht hatte, die First Health akzeptierten, hinkte sie langsam zum Beth Israel Hospital, East Side. Die Gleichgültigkeit der vorübereilenden Massen erschien in diesem Moment besonders grausam. Wäre sie umgekippt, wäre es möglicherweise nicht einmal aufgefallen.
Niemand zeigte Mitleid und so gab sie es auf, den Anschein verborgener Schmerzen zu machen.

Beim Betreten des Rezeptionssaales flennte sie bereits lauthals. Sie wurde von einer in die nächste Station verwiesen, ohne dass sie auf irgendwen mit dem Passionspiel Eindruck gemacht hätte. Die Patienten wurden wie kaputte Gegenstände weitergereicht. Mit distanzierter Freundlichkeit drückte eine Krankenschwester ihr einen Becher für die Urinprobe in die Hand und nahm Blut ab. Mit dieser deutlichen Nicht-Inkenntnisnahme schien das Leiden nur noch vergeblicher. Ständig wurde sie zum Sitzen aufgefordert, wobei es doch gerade darum ging, dass sie nicht sitzen konnte. Das interessierte nicht sonderlich.
Im Wartezimmer liefen Kranke und Schwestern zum Nachrichtensender umher, einige murmelten, einige redeten, alle waren mit sich beschäftigt. Eine weitere unfreundliche Rezeptionistin nahm Daten auf. Schließlich erbarmte sich eine der Arzthelferinnen und A. wurde in eine mit Plastikvorhängen abgetrennte Nische mit Liege und weiterem sterilen Krankenhauszubehör geführt.

Zermürbt und genervt krabbelte sie die Liege hoch und verbrachte so mehrere Stunden. Sie konnte hören wie hinter dem Vorhang die Schwestern lästerten und andere Patienten telefonierten. Rechts neben ihr beschwerte sich eine Frauenstimme darüber, dass sie niemandem klarmachen konnte, dass sie Probleme mit dem Rücken und nicht mit dem Bauch habe. Später wurde bei ihr ein Schwangerschaftstest gemacht.
Schließlich riss eine junge Assistenzärztin mit Klemmbrett den Vorhang auf, stellte einige Fragen, drückte kurz mit zwei Fingern auf A.s Kreuz, setzte ihr eine Betäubungsspritze und verschwand wieder. A. blieb liegen und, wie versprochen, wurde dieser Zustand zunehmend erträglicher, geradezu nett. Irgendwann erschien eine Schwester, teilte ihr mit, dass ihre Blutwerte in Ordnung seien, gab ihr zwei Zettel mit unverständlichen Anweisungen und eilte weiter.

A. hatte nun, ohne sichtliches Ergebnis und mit einer vagen Überweisung, das Krankenhaus zu verlassen. First Health war niemandem ein Begriff. Niemand schien A. wahrgenommen zu haben, in diesem seelenlosen Betrieb, der doch eigentlich das Helfen und Retten zur Aufgabe hatte. Niemand würde sich an die Patienten erinnern, weder an sie, noch an andere, schwerere Fälle. Völlig unbeachtet, ratlos und empört irrte A. zum Ausgang. Durch automatische Flügeltüren, vorbei an Tragen, Tröpfen, Rollstühlen, beschäftigten Menschen.

Gegenüber vom Ausgang bemerkte sie einen großen Rahmen mit einem Foto und Aufschriften. Auf dem Bild waren Rettungshelfer und Feuerwehrmänner zu sehen, um das Bild waren mit Filzstiften aufgetragene Namen und Nachrichten. Ohne weitere Erklärung war ersichtlich, worum es ging.
An welchen Tag, an welche Rettungsversuche, Krankengeschichten und Patienten sich die Menschen auf dem Foto, die Angestellten dieses Krankenhauses, die Bewohner dieser Stadt seit siebeneinhalb Jahren erinnern mussten.

manhattan

ausflug

Coney Island machte schon von der Subway aus einen heruntergekommenen Eindruck. Wir stiegen aus, gingen durch Wälder einst kunterbunter, vergilbter und abgeplätterter Anzeigen. Es war neblig und windig und der allererste Hot Dog Laden von Nathan — des Mannes, der angeblich das Hot Dog Esswettbewerb erfunden hat — verbarg sich vor dem Wetter und mangelnder Kundschaft hinter Rollläden, wie die meisten Buden und Häuschen, wenn sie nicht einfach schon vor Jahren zurück gelassen worden waren. Kürzlich sollen japanische Bauunternehmer den Vergnügungspark zum Wiederaufbau aufgekauft haben.

wir gingen die Holzbretter der Strandpromenade entlang und verloren uns im Nebel. Trotz des Windes und des Nieselregens schlenderten uns andere Spaziergänger entgegen, sichtlich gewöhnt an ihren Weg. Im Gegensatz zu den Taschenformaten Manhattans sind die Hunde Brighton Beachs weniger “zivilisiert” und brauchen Bewegungsraum. Selbstverständlich fragte ich die vorbei gehende ältere Dame mit ihrer kleinen Straßenkötermischung auf russisch nach dem Weg, wir kamen ins Gespärch und es stellte sich heraus, dass wir aus derselben Stadt kommen. Wir erinnerten uns an gemeinsame Orte und sie zeigte sich interessiert am Leben der Immigranten in Deutschland. Hier, sagte sie, respektiere man sie sowjetischen Immigranten nicht gerade, man sähe sie als zweitklassig an, nähme sie nicht für ganz voll und dulde sie lediglich. Dann wies sie uns die Richtung nach Brighton Beach und riet uns bloß nicht in die entgegen gesetzte zu gehen. Da sei das ganze “Negerpack”.
Vor einer Schautafel mit schwarz-weiß Fotos der Coney Island Parade 1937 drückte sie nochmals ihr bedauern darüber aus, dass es heute nicht mehr so aussähe, wie einst. Als schön gekleidete schöne weiße Menschen auf und ab flanierten, und nicht dieses schwarze und lateinamerikanische Gesindel.

Ja.

Unnötig zu sagen, dass diese Frau in der falschen Zeit lebt. Offensichtlich fühlt sie sich bedroht, von Menschen anderer Abstammung. Aber die Bedrohungen unserer Zeit sind andere. Nach und nach erobern sie die Ghettos von einst, breiten sich aus und schrecken nicht von den obskursten Straßen Brooklyns zurück. Geht man heute in Viertel, gezeichnet von einstigen Bandenkriegen, bewaffneten Überfällen und dröhnender Schlachtmusik, trifft man die Gangs hagerer, blasser, verräucherter Individualisten. Die spitzen Schuhe, die alten Nikes, die zerschlissenen Chucks, die Cowboystiefel, die Pantöffelchen, die Röhrenjeans, die Karrottenschnitthosen, die Baggypants, die Leopardenmusterleggins, die Kleidchen und Röckchen der Hipster begegnen uns. Diese Menschen machen Kunst, Musik, Poesie, Tattoos, Klamotten, Möbel. Sie wohnen in kalten Lofts, in feuchten Kellern, in engen Apartments.
Der Zusammenhang, dass auch Höhlenmenschen Kreidezeichnungen hinterlassen haben, lässt sich auch anders interpretierung, als dass diese besonders kreativ gewesen sein mussten.

Durch unbeleuchtete Lastwageneinfahrten, über Fabrikgelände und Plattensiedlungen gehen junge Menschen mit unerschüttertem Glauben an ihre Sonderbarkeit. Sie trotzen einheimischen Kriminellenkreisen, ihren Drogengeschäften und Waffendrohungen, zeigen sich unbeeindruckt von jahrzehntelangen Segregationsbemühungen. Gegen solche Ignoranz jeglicher kultureller Differenzen kommen selbst die härtesten Gängster New Yorks nicht an. Hipster besiedeln Harlem, Williamsburg, Fort Green, Dumbo. Die Wahrscheinlichkeit, dass einem myspaceadressen um die Ohren fliegen ist hier weitaus höher, als die von Kugeln.

Aus den abgelegendsten Landstrichen Amerikas kriechen sie zusammen, um sich mit gleichgesinnten Nonkonformisten zu organisieren und abzuhängen. Ihre Ablehnung jeglicher Effizienz wird die große Teile der Stadt bald in ein einziges Vokü-Straßenfest verwandelt haben.Trotz aller Kritikfähigkeit merzen sie alternative Lebensweisen in ihrem Umfeld nach und nach aus. Ihre Ansichten dulden keine Akzeptanz.

Andere Immigranten sind schließlich auch nicht toleranter.

Vielleich wird auch bald in Brighton Beach nicht mehr sowjetischer Eklektizismus, sondern Indiemusik ertönen.

new york

bent

Ich könnte ein Theaterstück schreiben.
Eine Tragödie, eventuell ein Musical, das wäre auch drin.
Es würde in Dachau spielen. In der Anfangsszene würden wir – zur Situierung – den Schatten eines Geigers sehen, auf der Kulisse eines Drahtzauns, vor himmelblauem Hintergrund.
Auf der leeren Bühne würden zwei Haufen Schottersteine liegen.
Dann träten drei Männer auf die Bühne. Zwei davon in Häftlingsanzügen, aus heutiger Sicht gestreiften Pyjamas, und einer in einem langen Mantel und Hakenkreuzband und nach hinten gegelten Haaren.
Es wäre ok, wenn die beiden KZ-Häftlinge durchträniert wären und blondierte Haare hätten – das verstärkt die Einbindung des Publikums. Einer sollte nur deutlich kleiner sein als der andere. Auf seinem Oberteil wäre ein gelbes Dreieck angenäht. Auf der Brust des anderen wäre der Davidsstern.
Beide würden zum Zentrum der Bühne marschieren und stramm stehen. Der SS-Kommandant würde gleich loslegen – zur Orientiertung. Wie wir das so aus Vietnamfilmen kennen.
Du, würde er schreien. Ja-wohl-Sir, würde der große zurückbrüllen. Der Kommandant würde ihm befehlen, die Steine von einem zum anderen Haufen zu schleppen, keine Pause zu machen, außer drei Minuten stillstehen, wenn die Sirenen ertönen, den anderen nicht anzuschauen und keinen Unsinn zu machen.
Ja-wohl-Sir, würde der Häftling brüllen. Du, würde der SS-Komandant schreien. Ja-wohl-Sir, würde der kleinere mit den blondierten Haaren krächzen. Dann würde der Kommandant seine Befehle noch einmal wiederholen.

Dann müsste der noch ein paar Mal “Du” und die Häftlinge “Jawohl” brüllen.
Er würde bekräftigen, dass die beiden beaufsichtigt werden. An die Arbeit, würde er brüllen (die Häftlinge: “Ja-Sir”) und von der Bühne gehen.

Die beiden würden jeweils anfangen die Steine von einem Haufen zum anderen zu schleppen und so zu tun, als seien die Schaumstoffrequisiten schwer und hart.
Trotz ausgiebiger Warnungen würden sie natürlich anfangen zu reden.
Der kleine wäre sehr unzufrieden. Er wollte diesen Job gar nicht, denn das einzige Ziel sei es, die beiden verrückt zu machen. Der größere versuchte ihn davon zu überzeugen, dass es der beste Job sei, den man im KZ kriegen kann. Auch abgesehen davon wäre der kleine auf den großen sauer und nach und nach erfahren wir, dass der große nur so tut als sei er Jude, wobei er – wie der Kleine – in Wirklichkeit wegen seiner Homosexualität inhaftiert wurde.
Er wollte diesen Job haben und ihn nicht alleine machen, deswegen hat er sich den kleinen dazuholen lassen.

Sie laufen also hin und her und tun so, als sähen sie sich nicht und unterhalten sich über ihre Baracken, Schlägereien, Selbstmorde, was es morgen zu Essen gibt, was man eben so redet.

Durch ein- und ausschalten der Beleuchtung würde dem Zuschauer deutchlich gemacht, dass die Zeit vergeht.
Nach und nach werden sich die beiden vertrauter. Sie laufen immer noch mit Steinen von Haufen zum Haufen. Dann wird es heiß und die beiden ziehen ihre Hemden aus.
Nun traut sich der Kleine und fragt, ob der andere manchmal “daran” denkt.
Dann ertönt die Sirene und sie müssen drei Minuten lang nebeneinander still stehen.
Die Dramaturgie erfordert nun, dass die drei Minutren nicht bloß drei, sondern ruhig gute zehn Minuten in Echtzeit dauern können.
Die beiden Insassen machen sich gegenseitig Komplimente hinsichtlich ihrer Körper, die sie offensichtlich aus den Augenwinkeln erspannen.
Dann machen sie Liebe. Im übertragenen, also versprachlichtem Sinne.
Wie das eben so geht, als KZ-Häftling, auf einer Theaterbühne.

Nun hat sich also die Dramatik vertrieft und der kleine hat sich in den größeren wirklich verliebt.
Er sagt Dinge wie :”Jetzt weiß ich, sie können mich nicht umbringen, denn ich trage die LIebe zu dir in mir”,
und der größere muss sagen: “Nein, du darfst mich nicht lieben, ich bin ein schrecklicher Mensch, ich liebe niemanden”,
worauf der kleine sagen wird:”Warum leugnest du das? Wir lieben uns doch!”,
und der größere wird dann voller Bitternis bekennen, dass alle, die er liebt wegen ihm umkommen.
Und der kleine wird ihm Vorwürfe machen, dass er nicht mutig genug sei, zu seiner Identität zu stehen und sein Dreieck zu tragen, statt des bloßen Davidssterns.
Und er wird in die Menge hineinrufen:”Was ist daran falsch, dass wir uns lieben?!”, sodass die Menge plötzlich auf diesen Missstand aufmerksam gemacht und nachdenklich wird.

Selbstverständlich tragen die Liebenden immernoch die Steine von Haufen zu Haufen und die Zeit vergeht, bis der Herbst kommt und der kleinere krank wird.
Obwohl der größere versucht keine Gefühle zu zeigen, ist er besorgt.
“Du hast abgenommen”, wird er sagen.
Dann wird er ihm Medikamente und Fisch zum Mittagessen versprechen.
Der kleinere ist nun müde vom KZ und will nach Hause.
Sie sprechen über die Berliner Gesellschaften und Clubs, wo sie früher verkehrt haben. Beide sind gerne an der Spree geschwommen.
Dann kommt der Kommandant und kriegt heraus, dass die beiden sich wohl doch besser kennen, als sie dürften. Zumindest gedanklich.
Und kurz bevor die Zuschauer vor Anspannung platzen, erschießt der SS-Mann den kleineren und der größere muss die Leiche entsorgen.

Alleine gelassen mit dem Toten, nimmt der größere ihn erst einmal auf die Arme, schreit, weint und brüllt:
“Ich liebe dich doch!”
und:
“Was ist daran falsch?”
ins Publikum, das spätestens jetzt zutiefst erschüttert wird.
Dann lässt er ihn zu Boden sinken und schleift ihn mühselig über die ganze Bühne. Als Abschlusgeste zieht der größere die Jacke des kleineren mit dem goldenen Dreieck auf der Brust an – als Bekenntnis – und stürzt sich auf den Drahtzaun.
Der Vorhang fällt.
Das Publikum applaudiert betreten.
Ja, so etwas hätte ich schreiben können.
Tatsächlich wurde so etwas schon geschrieben.
Und das schon in den fünfziger Jahren.
Ich habe es mit eigenen Augen gesehen.

(new school)

new york

revival

Wie über jedes Leben mit Massenkultstatus ist auch über das von Josef Stalin wenig bekannt. Wie jede Persönlichkeit seines Außmaßes ist auch Stalin nicht wirklich tot.

“Was geschah in dieser verhängnisvollen Nacht des 1. März 1953 tatsächlich?”, schreit der russische TV-Moderator etwas zu hysterisch, um bei seinen Zuschauern noch Spannung zu erzeugen.

Josef Wissarionowitsch wartet die Fortstzung nach der Werbepause nicht ab, unterbricht das “Schalom, Liebe Freunde”-Lied einer Konzertankündigung in Brighton Beach und schaltet auf eine russische Krimiserie.

“Wirst du auf mich hören?”, fragt er und richtet mir seinen Massagestuhl ein. Ich soll mich hineinsetzen. Der vorige sei besser, sein Enkel habe ihn kapputt gemacht, wie alles, was er anfasse.

Steif auf dem Sessel sitzend warte ich das Ende des Massageprogramms ab. Josef Wissarionowitsch spät vorgebeugt in den Ferneher hinein und drückt seine Fingerhantel.
Ein schlechter russischer Schauspieler täuscht betrunkene Verruchtheit vor. Wir erfahren: er macht gerade Business.

“Waren das Drogen?”, fragt mich Josef Wissarionowitsch. “Was er sich da in die Tasche gekippt hat. Sah aus wie Drogen.”
Abgesehen davon, dass ich es ehrlich nicht weiß, schüttle ich vehement den Kopf. Josef Wissarionowitsch ist etwas taub. Trotz voller Lautstärke und des Geräts im Ohr hört er immer diesen Lärm und vertseht schlecht.

Der einstige Schuster ist jetzt Renter. Er würde noch arbeiten, aber nur, wenn man ihn abholt und hinfbringt. Außerhalb von Forest Hills, seines Stadteils in Queens, kennt er sich nicht aus. Wenn sein Enkel am Wochenende zu Besuch kommt, gehen sie zusammen raus – “nach Amerika”, oder “Schopping-Popping”.

Jeden morgen werden die Dschugaschwillis zur Altengymnastik abgeholt. “Kindergarten für Alte”, grummelt Josef Wissarionowitsch.
“Kindergarten für Alte”, blökt seine Frau wenige Tage später in der Küche, während sie sich Sprudelwasser aufkocht. Die kleine, ruhelose Frau mit der Traurigkeit des gesamten weiblichen Geschlechts in den Augen rumort tagelang stöhnend und murmelnd in der Küche, taut Fleischblöcke auf, brät, wischt. Am Freitag früher als sonst — zum Schabbatessen kommen die Kinder. Wie es sich gehört, ist sie die Hüterin des Hauses.
Sie ist nicht Joseph Wissarionowitschs erste Frau, aber darüber wird nicht geredet.

Die Dschugaschwilis sind vor etwa zehn Jahren mithilfe Verwandter in die USA immigriert. Frau Dschugaschwilli wird ganz wehmütig, wenn sie an ihr altes Haus mit Garten denkt. Ein neues Leben in vertrauter Umgebung. Zu ihrer Hochhaussiedlung führt eine Prachtstraße russischer, kaukasischer — vor allem koscherer Geschäfte.

Vor wenigen Wochen bin ich zu den Dschugaschwilis gezogen.
Am Abend meines Einzugs betrat ich erstmals das große, surrende und knarzende Wohnzimmer, das in seiner Tiefe zirpenden Kanarienvögeln verbarg.

Wie es sich für jede Familie aus der ehemaligen Sowjetunion gehört, ist das Wohnzimmer mit einer prunkvollen, schwarz lackierten Schrankvitrine ausgestattet. Böden und Wände sind mit Perserteppichen bedeckt. Über dem Tisch hängt ein kollosal italienisch anmutendes Bild: eine Musikergruppe mit Früchten, Karaffen, Mandolinen und einer Magd im Vordergrund, die von einem Trubadour schalkhaft umfasst wird. Oder so.

“Weißt du wo seine Hand ist?”, fragt mich der Schwiegersohn am Schabbatabend. “Nach dem Essen sag’ ich es dir.”
Ich versuche möglichst höflich Wein, Vodka und Verkupplung mit einem Verwandten abzulehnen.
Die Frauen haben Tee gemacht. Der Jüngste hat Papas Tasse auf seine Hose geleert und quietscht entsetzt zu der russischen Hitparade im Hintergrund.

“Geschieht ihm recht. Schade, dass nicht mehr drin war”, sagt das Familienoberhaupt. Er trägt heute die bestickte Kopfbedeckung seines Bergvolkes.
“Bring ihn weg vom Tisch. Ich hab es satt. immer dasselbe.”
Der Schwiegersohn versucht seinen Nachwuchs zu vertreidigen.
“Nicht seine Schuld…es ist nicht seine Schuld – der Vater ist schuld.”
Wenn es ernst wird, wechselt die Familie die Sprache und wird für die Mehrheit der Weltbevölkerung unverständlich.

“Hier iss. Schäm dich nicht”, befiehlt er mir und deutet auf den Berg Teigtaschen.
“Hier iss”, befiehlt er seiner Frau und deutet auf den Teller vor ihr. Sie weigert sich: “Das ist Ihrer, Sie haben schon davon gegessen”, erklärt sie ihm.

Um halb elf haben sich die Nachkommen nach und nach verabschiedet. Der Abwasch ist gemacht, der Geruch unzählicher Schmorgerichte schwebt wie Nachtnebel über dem Dreizimmerapartment 11P. Josef Wissarionowitsch macht sich bettfertig. Zum ausklingendem Fernseher schlüpft er unter die Decke der Wohnzimmercouch, während seine Frau sich in ihrem Zimmer vergräbt. Josef Wissarionowitsch ist milder geworden, in Amerika. Wie auch sein Vodka.

goodbye blue monday

Ich rechne

die letzten
3 Jahre
8 Umzüge
4 Länder und
22 Mitbewohner,
in etwa
ausgenommen Schlangen, Ratten , Mäuse

nenne es Poesie.

Könnte ich ahnen, was mich erwartet, also micht nicht erwartet?
Als wir am eingefrohrenen Kanal saßen, mit Tee und Honig, in deiner Küche, mit Kuchen und Streifen, auf deinem Balkon, auf dem Fahrrad, im Park, auf der Treppe, wir alle und ich.
Wir sind doch angekommen!
Zu etwa 40 Prozent zumindest und mindestens 50 Prozent der völlig unerfüllbaren Vorhaben haben zu etwa 70 Prozent funktioniert. Nur wir haben uns knapp verpasst. Dieses eine Mal. Die letzte schönste letzte Zeit.
Und ich bleibe dabei – ich hätte lieber Zeit als Geld.
Es kommt doch alles mit der Zeit, sagt man.
Denn all die Zeit hat mich hier alles erwartet, was ich jemals möglicherweise gesucht haben könnte.

“While filling in your boarding card make sure you write in English”

Ach, British A.

Schon als wir uns der Erde von einer anderen Seite näherten, sah alles umfangreicher aus. Schonungslos gradlinig.
Gnadenlos angleichend macht mich Manhattan.
Was das Leben hier einem abzugewoehnen scheint, ist Mitgefühl.
Mitgefühl setzt ein Andere gegenueber dem Wir voraus. Die Identität hier setzt eine ausnahmslose Integration in das Wir voraus – es gibt keine Anderen mehr.
Hier sind wir–alle so.
Die Menschen in Midtowns Cafes sprechen in solch einem selbstverstaendlichen Vertrauen in ihre Individualität. Oder ist es englisch? Oder ist es, dass sie sprechen?

Variety ist das Wort.

Für alle, die woanders anfangen.

Könnte ich ahnen wie es sich him Mittelpunkt lebt? Ich werde es versuchen.

The rumors of me sitting in Central Park have been greatly exaggerated.

nyc

and so on.

Wir haben kaum über die Zeit der vergangenen Monate gesprochen und wann sie nicht mehr ausgereicht hat um darüber zu reden suchen wir uns neue Themen wie das kommende Jahr oder den nächsten Urlaub und Prioritäten wie Erfolg zum Beispiel.

Wie wird man sagen wir oben genanntes sagen wir durch Umformulierung erfolgreich werde ich oft gefragt aber eigentlich gar nicht.

Mit Glück würde ich raten geht es um Umformulierung sagen wir man wischt den Boden anderer und nennt es Standortassistenz oder Hygieneadministration oder Besenexekutive.

Oder Praktikum und fühlt sich geehrt weil man das sollte wenn es danach klingt und das Leben nach dem Lebenslauf ausrichten.

Also Praktikum wir repräsentieren ein Festival und seine Künstler und seine Sektgläser Wasserflaschen Sitzkissen Postertesafilme Brötchenschmieren.

Dazu gehört die Gewissheit so zu sagen das Bewusstsein der essentiellen Wichtigkeit der eigenen Funktion so zu sagen der Tätigkeit so in der Art wie könnte jetzt jemand streiken oder im Stau stehen wenn es heute Abend bei uns doch eine Aufführung gibt mit voller Inbrunst ehrlicher Empörung.

Und auserlesene Worte wie großartig und fesselnd und spektakulär müsste man benutzen das war mein absolutes Highlight und oder eigentlich mag ich Theater gar nicht.

Und ich sollte vermitteln wir tun doch was wir können und arbeiten ohne Unterlaß für das Wohl der Menschheit aber es gibt Vorschriften.

Und außerdem sollte ich gegen die Ungleichberechtigung angehen die ungerechterweise weiblich ist und jedem Wort ein IN anhängen oder die rote Karte gegen Sexismus hoch halten die mir ausgeteilt wurde als der Studentenrat den Haushaltsplan verabschiedete und darüber abgestimmt wurde welchem der Gruppen von den man noch nie gehört hatte das Geld gekürzt werden sollte wir müssen schließlich alle sparen.

Und ich könnte sagen dass meine Nase gebrochen ist unspektakulär gegenüber vom neuen Konsum oder auch aus Verzweiflung oder Rührung und Mitleid zu Woyzeck oder du sie mir brachst was besser klingt.

Und ich könnte sagen dass ich jetzt eine Ecke Leipzigs wie meine eigene kenne aber verschweige welche es ist auf jeden Fall nicht die in der ich drei Mützen einen Handschuh ein Mobiltelefon ein Fahrrad und einen elektronischen Transponder mindestens verlor sowie Verstand Verstehen und Verständnis.

Da sich ein Satz wenn nicht mehr mit der Stadt beschäftigen sollte hat die Stadt hier auf jeden Fall noch was zu suchen wir haben gesät auf dass wir nächsten Frühling Mützen ernten sollen.

Es wäre nicht zu viel über die meiste Zeit der letzten Monate gesagt dass diese aus laufen und Läufen bestand in verschiedene Richtungen und oder auch ohne.

Es ist gelaufen wie das so läuft auch ohne unsere Einschätzung und zumindest können wir nun von einander sagen was wir vor einander nicht sagen konnten.

Aber wenn zauberhafte Zufälle aufhören zu wundern egal wie unterhaltsam sich darüber unterhalten lässt es zu dem Schluss kommen dass die neue Einstellung endlich doch beginnen sollte jetzt.

leipzig

kiew – stadtbeschichtigung

Hätt’ ich die Wahl, ich wär ein Wal.

Einer von den schwimmenden. Ich könnte durch die Seealgen rascheln, die nicht in Öl mit Zwiebeln eingelegt sind – obwohl das auch gesund ist. Aber ich bräuchte das Jod gar nicht. Ich würde auf den Dächern liegen und Vögel, oder Sterne, oder anderes Rationales zählen. Am Strand entlang Fahrrad fahren und den Sonnenuntergängen meinen Meeresspiegel vorsetzen. Unter uns würde ich die hereingebrochenen Zeiten nicht wiedererkennen – und das nicht, weil ich abwesend war. Ich würde in Waschtrögen baden, wenn es wieder warmes Wasser gäbe, oder kaltes, oder Wasser. Und ungefragt bleiben, wie es mir denn so gefiele, ohne dass meine Erwiederungsversuche gleich Verrat seien, an einer von vielen Seiten. Ich würde gepumpte Filme schieben und den schlechten Schlechtes wünschen und nicht dieses Theater machen und mir, mich von entfremdeten Frauen an den Busen drückend, vorbeten lassen: komm wieder, schau, alles wird gut.

Ich hätte eine Walheimat – durch Blut und durch Boden keine Rechte. Und – kriegte ich ein Visum – machte ich Wahlfahrten.

24+

lang lebe Wahl, ich fahre

auf einem roten Gangteppich mit Persermustern.

Durch solche Fenster schaut schon ein völlig anderes Land.

Die Heimkehrer haben nach fünf Minuten ihre Hausschuhe, Bademäntel und Wurststangen ausgepackt. In Deutschland wird noch geflüstert, je östlicher – desto weniger.

Ich wundere mich, ob Menschen aus Boden gemacht werden.

An den Stationen werden Taschen und Worte mit dem Schaffner gewechselt.

Ich schweige, wie Partisanen schweigen. Niemand soll wissen, dass ich schon eine ganze Weile nicht hier war.

Hier ist auch schon seit einer Weile weg. Auf 10 Spuren stauen sich verchromte Geländepanzerwagen, Hochhäuser ragen über der Altstadt. Neue Schlafviertel werden gebaut, wo vor 20 Jahren keine Stadt war. Veränderung wäre untertrieben. Der Wandel ist schneller, als sich denken lässt. Die Passanten eilen der Stadt hinterher, richtung Westen und sind schon längst daran vorbei.

Wie man in Kiew möglicherweise seine Freiziet doch nicht verbringen kann: Polo auf Elefanten, Wale fangen, Karaoke mit Frank Sinatra.
Die Stadt verspricht alles, im Gegensatz zur ländlichen Öde. Etwa fünf Millionen wollen sich vergewissern.
Mein Platz ist frei.

Platz der Unabhängigkeit, Platz der Völkerverständigung, Ukrainepalast.

Irina Petrowna hat die Wohnung ihrer verstorbenen Eltern übernommen. Vor ihrem Tod hat sie auf dem Sofa im Wohnzimmer geschlafen. Sie ist über fünfzig.
„Damit dein Vater sich keine Sorgen macht“, Irina Petrowna und holt ein Radioaktivitätsmessgerät hervor. Wir messen die Luft. Dann das Gemüse. Die Gurke ist sichtlich aus der Umgebung.
Wodka hilft, sagt Irina Petrowna. Er hält die Strahlen auf. Wir waten durch dicke Stadtluft bei über 30 Grad. Irina ißt ein McDonalds-Eis und bietet mir ein Bier an.

Irina hat ihre Kindheit in einem großen Ziegelsteinhaus verbracht. Sie meint, sich daran erinnern zu können. Die Kirchen und Klöster schauen allesamt wunderschön gleich aus. Die Namen klingen verwechselbar.

Irina übt schon lange nicht mehr ihren erlernten Beruf aus. Sie näht Kostüme für Artisten und hat die ganze Welt bei sich zu Gast. Sie ist noch nie wo anders gewesen, wofür.

Irina hört russische Romanzen und schaut abends Columbo mit einem Hund, einer Katze, einem Wellensittich, einer Schildkröte, einem Kaninchen, Fischen, ihrem Mann, ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn Vanja im Wohn- und Arbeitszimmer ihrer kleinen Wohnung neunten Stock eines Hochhauses im Neubaugebiet. Ihr Mann hält nichts auf Deutschland, das nach dem Kriegsverlust seine Identität an Amerika verkauft habe.

Irina legt sich ihre Jacke unter das Sommerkleidchen und setzt sich ins Gras am Hang. Abends treffen sich hier über der Stadt junge Menschen. Wäre ein Mann dabei, hätte Irina sich lange geziert, hochzusteigen – so fürchterlich anstrengend. Sie würde nichts tun, was nicht weiblich wirkt. Irinas Eltern konnten sich eine gute Universitätsausbildung leisten. Sie ist 25, beruflich erfolgreich, reist gerne und will anspruchsvoll heiraten, nicht irgendwen.

Irina hatte nicht genug Geld, um sich die Aufnahmeprüfung für das gute Institut zu kaufen. Sie trinkt und raucht nicht, hat eine zehnjährige Klavierausbildung abgeschlossen, studiert fleißig, kann kochen und hilft ihrer alleinerziehenden Mutter, mit der sie zusammenwohnt. Sie will Karriere machen und dann gut heiraten. Kiew verlassen zu können erscheint ihr als fast aussichtslos. Sie kommt gerne an diesen Hang, von dem aus die Dächer, Baukräne und Sonnenuntergänge der Stadt zu sehen sind. Freunde sitzen sie dann dort und reden über wichtige Dinge. Geistige Werte. Wert ist hier ein geflügeltes Wort.

Irina, der durch alle Schichten kiewer Jugendlicher und ihre Drogen gegangen ist, schreibt seine Diplomarbeit über die Werte der modernen ukrainischen Gesellschaft und beweist – es gibt keine. Vom Westen gibt es nur Geld, keinen Glauben.

Irina findet alles toll und es kling, als übertreibe sie aus rücksichtsvoller Fremdheit. Kritik sähe aus wie verwöhnte Ignoranz. Wo ein Visum benötigt wird, ist freier Austausch nicht möglich. Nicht einmal von Meinungen.

Ob ich wegen meines interessierten Fragens Informationen für den Geheimdienst sammle.

Aus der Stadt, in der alle das Restaurant kennen, dass die Parlamentsabgeordneten während ihres Hungerstreiks besuchten. Wo öffentliche Verkehrsmittel zugunsten breiterer Straßen abgebaut wurden, um mit dem Resultat kathastrophaler Staus und Unfälle wieder anzufangen, die öffentlichen Verkehrsmittel von neuem auszubauen. Wo alle gerne bereit sind, mit ihrer Fehlinformation weiterzuhelfen und nichts pünktlich oder organisiert abläuft, obwohl alle davon reden.

Was ich darüber denke, wer mir am besten gefallen hat und ob es sowas bei uns gäbe. Ja. Hier lässt es sich leben – und dort auch. Gute Menschen, ja, selten. Die Kunst. Ob ich zurück, oder jemanden, oder beschuldige, oder bereue, oder beneide. Was ich will.

Ach, unsere Vorgeschichte ist wie verkatert und hinterlässt das unangenehme Gefühl, ich wisse etwas nicht mehr, wonach zu fragen jetzt peinlich wäre.

Deswegen kriegt ihr keine Antworten von mir, kein Schwarz-auf-Weiß. Man spricht nicht über Möglichkeiten, genauso wie sich über Nähe in deren Präsenz nicht denken lässt.

Die zweite Woche schon knabbere ich an den Sonnenblumenkernen, die man mir kiloweise mitgegeben hat, mit der Überzeugung, es gebe in Deutschland keine.

Ich habe nicht widersprochen, an etwas muss man ja glauben.

kiew