kiew – stadtbeschichtigung

Hätt’ ich die Wahl, ich wär ein Wal.

Einer von den schwimmenden. Ich könnte durch die Seealgen rascheln, die nicht in Öl mit Zwiebeln eingelegt sind – obwohl das auch gesund ist. Aber ich bräuchte das Jod gar nicht. Ich würde auf den Dächern liegen und Vögel, oder Sterne, oder anderes Rationales zählen. Am Strand entlang Fahrrad fahren und den Sonnenuntergängen meinen Meeresspiegel vorsetzen. Unter uns würde ich die hereingebrochenen Zeiten nicht wiedererkennen – und das nicht, weil ich abwesend war. Ich würde in Waschtrögen baden, wenn es wieder warmes Wasser gäbe, oder kaltes, oder Wasser. Und ungefragt bleiben, wie es mir denn so gefiele, ohne dass meine Erwiederungsversuche gleich Verrat seien, an einer von vielen Seiten. Ich würde gepumpte Filme schieben und den schlechten Schlechtes wünschen und nicht dieses Theater machen und mir, mich von entfremdeten Frauen an den Busen drückend, vorbeten lassen: komm wieder, schau, alles wird gut.

Ich hätte eine Walheimat – durch Blut und durch Boden keine Rechte. Und – kriegte ich ein Visum – machte ich Wahlfahrten.

24+

lang lebe Wahl, ich fahre

auf einem roten Gangteppich mit Persermustern.

Durch solche Fenster schaut schon ein völlig anderes Land.

Die Heimkehrer haben nach fünf Minuten ihre Hausschuhe, Bademäntel und Wurststangen ausgepackt. In Deutschland wird noch geflüstert, je östlicher – desto weniger.

Ich wundere mich, ob Menschen aus Boden gemacht werden.

An den Stationen werden Taschen und Worte mit dem Schaffner gewechselt.

Ich schweige, wie Partisanen schweigen. Niemand soll wissen, dass ich schon eine ganze Weile nicht hier war.

Hier ist auch schon seit einer Weile weg. Auf 10 Spuren stauen sich verchromte Geländepanzerwagen, Hochhäuser ragen über der Altstadt. Neue Schlafviertel werden gebaut, wo vor 20 Jahren keine Stadt war. Veränderung wäre untertrieben. Der Wandel ist schneller, als sich denken lässt. Die Passanten eilen der Stadt hinterher, richtung Westen und sind schon längst daran vorbei.

Wie man in Kiew möglicherweise seine Freiziet doch nicht verbringen kann: Polo auf Elefanten, Wale fangen, Karaoke mit Frank Sinatra.
Die Stadt verspricht alles, im Gegensatz zur ländlichen Öde. Etwa fünf Millionen wollen sich vergewissern.
Mein Platz ist frei.

Platz der Unabhängigkeit, Platz der Völkerverständigung, Ukrainepalast.

Irina Petrowna hat die Wohnung ihrer verstorbenen Eltern übernommen. Vor ihrem Tod hat sie auf dem Sofa im Wohnzimmer geschlafen. Sie ist über fünfzig.
„Damit dein Vater sich keine Sorgen macht“, Irina Petrowna und holt ein Radioaktivitätsmessgerät hervor. Wir messen die Luft. Dann das Gemüse. Die Gurke ist sichtlich aus der Umgebung.
Wodka hilft, sagt Irina Petrowna. Er hält die Strahlen auf. Wir waten durch dicke Stadtluft bei über 30 Grad. Irina ißt ein McDonalds-Eis und bietet mir ein Bier an.

Irina hat ihre Kindheit in einem großen Ziegelsteinhaus verbracht. Sie meint, sich daran erinnern zu können. Die Kirchen und Klöster schauen allesamt wunderschön gleich aus. Die Namen klingen verwechselbar.

Irina übt schon lange nicht mehr ihren erlernten Beruf aus. Sie näht Kostüme für Artisten und hat die ganze Welt bei sich zu Gast. Sie ist noch nie wo anders gewesen, wofür.

Irina hört russische Romanzen und schaut abends Columbo mit einem Hund, einer Katze, einem Wellensittich, einer Schildkröte, einem Kaninchen, Fischen, ihrem Mann, ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn Vanja im Wohn- und Arbeitszimmer ihrer kleinen Wohnung neunten Stock eines Hochhauses im Neubaugebiet. Ihr Mann hält nichts auf Deutschland, das nach dem Kriegsverlust seine Identität an Amerika verkauft habe.

Irina legt sich ihre Jacke unter das Sommerkleidchen und setzt sich ins Gras am Hang. Abends treffen sich hier über der Stadt junge Menschen. Wäre ein Mann dabei, hätte Irina sich lange geziert, hochzusteigen – so fürchterlich anstrengend. Sie würde nichts tun, was nicht weiblich wirkt. Irinas Eltern konnten sich eine gute Universitätsausbildung leisten. Sie ist 25, beruflich erfolgreich, reist gerne und will anspruchsvoll heiraten, nicht irgendwen.

Irina hatte nicht genug Geld, um sich die Aufnahmeprüfung für das gute Institut zu kaufen. Sie trinkt und raucht nicht, hat eine zehnjährige Klavierausbildung abgeschlossen, studiert fleißig, kann kochen und hilft ihrer alleinerziehenden Mutter, mit der sie zusammenwohnt. Sie will Karriere machen und dann gut heiraten. Kiew verlassen zu können erscheint ihr als fast aussichtslos. Sie kommt gerne an diesen Hang, von dem aus die Dächer, Baukräne und Sonnenuntergänge der Stadt zu sehen sind. Freunde sitzen sie dann dort und reden über wichtige Dinge. Geistige Werte. Wert ist hier ein geflügeltes Wort.

Irina, der durch alle Schichten kiewer Jugendlicher und ihre Drogen gegangen ist, schreibt seine Diplomarbeit über die Werte der modernen ukrainischen Gesellschaft und beweist – es gibt keine. Vom Westen gibt es nur Geld, keinen Glauben.

Irina findet alles toll und es kling, als übertreibe sie aus rücksichtsvoller Fremdheit. Kritik sähe aus wie verwöhnte Ignoranz. Wo ein Visum benötigt wird, ist freier Austausch nicht möglich. Nicht einmal von Meinungen.

Ob ich wegen meines interessierten Fragens Informationen für den Geheimdienst sammle.

Aus der Stadt, in der alle das Restaurant kennen, dass die Parlamentsabgeordneten während ihres Hungerstreiks besuchten. Wo öffentliche Verkehrsmittel zugunsten breiterer Straßen abgebaut wurden, um mit dem Resultat kathastrophaler Staus und Unfälle wieder anzufangen, die öffentlichen Verkehrsmittel von neuem auszubauen. Wo alle gerne bereit sind, mit ihrer Fehlinformation weiterzuhelfen und nichts pünktlich oder organisiert abläuft, obwohl alle davon reden.

Was ich darüber denke, wer mir am besten gefallen hat und ob es sowas bei uns gäbe. Ja. Hier lässt es sich leben – und dort auch. Gute Menschen, ja, selten. Die Kunst. Ob ich zurück, oder jemanden, oder beschuldige, oder bereue, oder beneide. Was ich will.

Ach, unsere Vorgeschichte ist wie verkatert und hinterlässt das unangenehme Gefühl, ich wisse etwas nicht mehr, wonach zu fragen jetzt peinlich wäre.

Deswegen kriegt ihr keine Antworten von mir, kein Schwarz-auf-Weiß. Man spricht nicht über Möglichkeiten, genauso wie sich über Nähe in deren Präsenz nicht denken lässt.

Die zweite Woche schon knabbere ich an den Sonnenblumenkernen, die man mir kiloweise mitgegeben hat, mit der Überzeugung, es gebe in Deutschland keine.

Ich habe nicht widersprochen, an etwas muss man ja glauben.

kiew

ferien

Sehr geehrte und!

Zuallererst möchte ich mich herzlich. Dann natürlich auch bei ihnen.
Hier vor Abwesenheit nicht zu sprechen ist mir ganz besonders.
Gerade von mir, vor allem gebeten, sollten einige Punkte gezogen werden, die gesellschaftliche Verfehlungen treffen..
In diesen Zeiten gemeinen Schwunds und gegenwärtigen Mangels gibt es einen Überschuss, auf den ich gerne hervorheben möchte. Wir haben eine enorme Überproduktion an Kompetenz. Die günstigen Umweltbedingungen schaffen ganz absonderlich hohe Mengen an überschüssigem Weiterwissen. Die Schäden für die Athmosphäre sind bedeutungsschwer. Denn – gleich jeder Briefmarke – kann man auch die Kompetenz nicht essen. Sanktionierte Einschränkungen der Emissionen könnten allerdings zu massiver Neutralität von Seiten der Weltbevölkerung führen.
Meine Damen und Herren, unser Hauptaugenmerk sollte darauf gerichtet.
Zu ihrer Aufmerksamkeit: Danke dafür!
Ich packe meinen Koffer.
Und freue mich auf die Rückkehr.
Davor und danach straft mich Zeit mit Schweigen.
Ich nehme mit: Düsseldorf! Drei Uhr nachts am Bahnhof. Eine Gruppe Obdachloser schließt Fußballwetten ab.
Ein betrunkenes Mädchen stolpert einsam über Zebrastreifen.
“Hast du Feuer?” – “Nein, hast du Kondome?”
Und Düsseldorf Weeze um acht Uhr morgens, wo schottische Dudelsackpfeifer in gähnender Standartkonstruktion des einzigen Terminals die Mitarbeiterinnen der 2-3 Fluglinien lärmbelästigen.
Zurück zu Edinburgh. Kennen wir uns?
Green looks good on you.
Der Sommer wird dich wieder einmal im Nassen sitzen lassen.
Wir werfen einen Drachen in den Küstenwind und wünschen uns das Beste . Die Flut übersteigt sichtlich den Pfad zu Cramond Island. Wer flieht hier?
Sylvain – der Psychologe aus Senegal, oder der Straßenmusiker aus Schottland – sagt, die Zeit in der man auf Antworten warte sei genauso wichtig wie die Zeit in der man weiß.
“just pose questions.”
Wo?
Leipzig, Stadtlandfluss. die Uferbänke leerten sich zum Sommer hin.
Die Sprachlosigkeit ist ein Flüchtling. Vielleicht hat sie irgendwo davon gelesen. Vielleicht in abgegriffenen Zeitungen.
Ich packe meine Kisten und frage mich, was ich davon vermissen werde und wieviel Platz Ferne braucht.

umstellung

Ich bin heute um 94.998.987.072,12 cm gewachsen.
Das war anfangs – etwa gegen sechs Uhr morgens – etwas ungewohnt. Ich hatte Mühe, keine feinen Grenzen zu überschreiten. Aber gegen sieben konnte ich schon die Trauerweiden auf unserem Balkon gießen. Ganz ausgehungert streckten sie alle Blätter von sich und versuchten, ihre Früchte abzuwerfen. Was aber meinen plötzlichen Wachstumsschub erklären würde, konnten sie mir nicht beantworten.
Auch nicht die leichten Vögel am Straßenrand.
Wir fuhren im laufrischen Dämmerlicht an Fabrikfestungen entlang. Eine war aus englischem Königspalastbackstein. Auf dem Wappen stand: „Werkstattmaschinen“, und irgendwo auf der Rückseite: „Rasenmäher“.
Wir hatten auch den Eindruck, dass das Werk eindeutig vor den Maschinen Vorrang haben sollte.
Im Hof gab es eine Wachablösung – alles schlief. Wir schauten eine Weile lang zu und ich dachte an das Weizenfeld dass bald von einem ausländischen Esel, vor dem Karren einer Nationalbibliothek gespannt, zerstampft werden würde. Nicht, dass hier je ein böses Wort über Esel – vor allem ausländische oder intellektuelle – verloren würde. dafür sind wir zu eingeschlossen. Aber mähen ließe sich doch der Weizen damals, in dem 20qm großen Zimmer – oder zumindest ernten.
Das Brot lebt nicht vom Menschen alleine – und keine Kunst ist ohne Mehl. Mit Hefe geht es auf, alle helfen mit. Manche flammender als manche.
Im noch besseren Leben, beispielsweise, baute sich ein ungebranntes Kind das Konzept der Furchtlosigkeit mit Streichhölzern auf einen Aschenbecher. Dazu sang Homer ganz besoffen von Zügen, die nicht zur geliebten Frau fahren und Soldaten, die die eine, ferne vorziehen.
Beim einhören hatte ich das Netz zu weitsichtig ausgeworfen, der ganze Rest verfing sich im Kanal und behindert das rudern.
Der Wind hatte uns in dem bekritzelten und bespielten Lagerhallensonnenaufgang aus den Segeln genommen. Papierdünner Hauch lag auf den Dachbetten.
Ich wollte den Innenhof anbinden, scheiterte aber am Zusammenfalten der Geräuschkulisse.
Das glückliche Familienabendessengeklirre 3 runter, 2 nach links versuchte ich mit dem Wäscheständer nachzubauen. Bis zum großen Handtuch ging es gut aber dann verklemmte ich mir endgültig die Vostellung am fehlenden Weichspüler. Den gartenscheinessenden Nachbarskindern würde es an so etwas bestimmt nicht fehlen. Aber an einem vierten und an allen weiteren Gängen möglicherweise. Diese Aussicht stimmte mich versöhnlich mit all den spöttisch verschlossenen, offenen, beleuchteten und dunklen Doppelfenstern gegenüber.

Das müsste noch gewesen sein bevor ich davon erfuhr, dass zeitlich geordnete Abläufe erst in unseren Gehirngängen laufen lernen.

Und wenn es wieder ein erneutes Mal an der Zeit ist, meine Dankbarkeit zu zeigen, werde ich widerwillig aus angeborener Gewohnheit Verzweiflung simulieren und mir händeringend keinen Anschein geben, dass es doch an diesem einen Tag
so schön ist.

schleussig

is there anybody out there

Freund P, dass du das nicht lesen kannst unterscheidet dich nicht von der erdrückenden Mehrheit des Planeten, dieses Sprachraums und meines Bekanntenkreises mit Internetanschluss.
Ob nun Unverständnis Ausrede ist oder bei mir. Äußern scheint von sich aus zu gehen.
Ich habe mich bedenklich lange an mir bis zum Selbstmitleid aufgekratzt. Nicht, dass ich nichts anderes zu tun hätte. Aber warum. Du kennst ja diese Selbstzweckwechselwirkung.
Wir werden über anderes sprechen, weil die Zeit nur dafür ausreicht sich über Belangloses zu sorgen.
In der Zeit, die wir uns umgaben waren wir uns über drei Begriffe uneinig: Heim, kämpfen und kneten. Zwei davon habe ich verweigert, kämpfen hast du abgelehnt.

Während du an Entfernung verzweifelst, will ich sie unmöglich machen. Aber ob du nun eine bestickte Tischdecke auslegst oder ich mit aufgeblähtem Märtyrerstolz regelmäßig fremde Zimmer und Möbel wechsle, vermutlich meinen wir doch dasselbe.

Wir wandern. Poststrukturalismus nennt sich das.
Am Tag der Arbeit war ich in Saalfeld. Würdest du wissen, wo Saalfeld liegt und wie es um die Lage um Saalfeld steht, würdest du dir vorstellen können, dass ich nicht aus eigenem Antrieb stundenlang an betrunkenen Teenagern vorbei streifte, sondern aus dem der deutschen Bahn, die nur noch Lokführer zu haben scheint.
Geradezu metaphorisch – niemand weiß Bescheid, alle fahren.

Ich bin auch woanders gewesen. Da, wo ich jetzt wohne geht etwas vor sich. Das Verlassene wurde entdeckt, das Unerwünschte ist jetzt begehrt. Alte Industriegelände füllen sich mit Kunst, Musik, Menschen. Auf der Pulsader des Verfalls stehen alte Sofas und große Lautsprecher. Massen von Individualisten ziehen durch Plagwitz. Wir konsumieren ausschließlich bio oder art.
Lieber P, ich kaufe nur noch fair gehandelte Produkte. Nicht aus Prinzip, sondern weil die Ausbeutung abgeschafft wurde. Das Leben ist endlich gerecht geworden. Eine bessere Welt findet statt, es herrscht Einklang und ich denke um.
Du hast uns beim letzten Gespräch mit rollenden Schneebällen verglichen.
Würde mir in diesem Fall die ersehnte Erwiderung wirklich helfen?
Ob nun ein Zuhause Distanz zulässt, für etwas gekämpft werden muss oder wir einander zurecht kneten können – wir werden anderer Meinung sein.

leipzig

in this country

Seit wir uns alles erzählt haben, ist es unnötig geworden darüber zu denken.
Wir passieren. Ich will nicht weiter und muss nicht zurück.
Wir umgehen Fragen, mein innerer Dialog ist verstummt.
Erklär mir nur, wie eine Eidechse an diesen prosaischen Ort kommt.

Wir passieren am Wasser, das die Stadt von den Bergen bis ans Meer passiert.
Auf dem Weg bin ich umgezogen und Sir Sean Connery geboren worden.

Leith war einst eine selbstständige Hafenstadt, bis es so selbstverständlich verknetet wurde, mit der großen, einzigen.

Einst handelte man mit Wein und Fisch, dann mit chemischen Drogen.
Es soll besser geworden sein. Die Überlebenden haben sich hochgearbeitet auf der Karriereleiter der Arbeiterklasse. Nur noch selten sieht man Mädchen aus dem Busfenster kiffen.

Die Helden Leiths bewohnen düstere Kellerwohnungen und enge Abstellkammern.
Dave verdient damit Geld und lebt davon in Australien.
Sein vernageltes Zimmer mit Erdfußboden wartet darauf, dass er bei seiner Rückkehr wieder auf dem Billardtisch schläft.
Im Zimmer von Alex tropft es seit drei Wochen von der Decke aufs Bett. Er schießt Chinesen, während Andy und Mark mit Gitarren in der Küche sitzen.
Nick schläft heute sein Koks aus und Chris kommt nie vorbei. Als Drogendealer muss er stets zu finden sein.
“He needs to be stationary“, erklärt Andy. Er kennt sich aus, sein Vater hat das auch einmal gemacht.

Diejenigen, die es geschafft haben, von diesem Ort loszukommen, schauen mit wehmütiger Erleichterung zurück.

Lemmings und GTA wurde hier erfunden, Trainspotting erlebt.

Leiths zahlreiche Kirchen haben Hochglanzvisitenkarten.
Leith selbst hat einen Heiligen.
Der Rastaman aus Jamaika sitzt heute majestätisch vor dem großen Scotmid und lässt seine blauen blinden Augen, die die Schöpfung gesehen haben müssen, über den Leith Walk schweifen.
Wir – seine treuen Gefolgen – kennen ihn.

Wie wir den Gitarrenpfeifenden alten Mann im Durchgang des Fountainbridge kennen, der in den Wandgrafittis verewigt ist.
Wie wir den gegen die Wand Saxophon spielenden Hoodie kennen, Samstags im Tunnel zwischen Farmers Market und Grassmarket.
Wir kennen die am meisten gepiercte Frau der Welt an der Royal Mile.
Und die Gesichter des big issue, das falsche Dudelsackprusten und das Tidlededidle… des keltischen Stolzes, dieselben Noch-Betrunkenen am Montag Morgen, die summenden surrenden Stimmen in den Bussen, an den Straßenübergängen und Einkauspassagen, die zum schießen freigegebenen grauen Eichhörnchen aus Amerika, die ewigen Feuertüren und fröhlichen Entschuldigungen, den gegenseitig bekannten Gesprächsablauf, die zweifelsfrei wärmende Wiedeholungwiederholung…

Wir machen durch.

Bis ich begreife, dass es nicht darum

sondern

Bis zur Abreise hatte ich an Beteuerungen gespart.
Bis sie umsonst wurden.

Bis du nicht mehr erahnen konntest, wo es hakte, und meine Maschen sich heimlich lösten, um Bände mit dir zu knüpfen.

Ein rot-weißer Faden zieht sich durch die Welt derer, die keinen besseren Ort kennen, um zu bleiben.
Im März begrüßen wir den Frühling mit den Störchen, die hier Möwen sind.
Und das Unglück ist bei uns zum Guten und zu Gast.
Und der Gast ist bei uns zu Hause.

In seinen Aufzeichnungen schrieb ein Jäger, dass es leicht sei im Frühling zu gehen, weil im Frühling sogar die Glücklichen aufbrechen würden.

Wir haben uns aus der Nähe betrachtet und gemeinsam ins Leere gestarrt.
Du pfeifst schon seit einer Ewigkeit auf deine Bewohner die selbe alte Leier und fiesen Wind.

Als ob es mir nicht bekannt war.
Wir passieren schnell.

27.10.07-18.03.08 edinburgh

unfertigkeiten

Ich liebe ja das Kollektiv. Darf man das überhaupt in der Einzahl sagen? So eine eingeschweißte Gemeinschaft, die alle beisammen hat. Die richtige Gesellschaft. Wir unternehmen und verbringen am liebsten alles zusammen und haben dabei unglaublich viel Spaß, weil es dafür Zeugen gibt. Wir könnten es uns dann rein hypothetisch – gegebenenfalls gar gegenseitig – schriftlich beglaubigen lassen und uns rechtlich gegen allerlei Widersacher absichern.

Ja, meine britischen Freunde, ihr kennt wohl das Problem mit der Parallelgesellschaft nicht. Und vollwertige Mitglieder der Gesellschaft habt ihr auch keine – nur volle. Ihr habt es nicht so mit Integrationsbemühungen und führt keine ernsthaften Unterhaltungen. Ich meine, es geht doch um Substanz.
Aber ohne das Wetter bleibt wenig übrig.
Gemeinsam begutachten, gutheißen und bewundern wir hordentlich die rustikale Landschaft, mit der eindeutig nicht ich gemeint war zusammenzutreffen. Ich seufze verzückt. Gigantische Schafszüchtungen galoppieren am Horizont. Vielleicht bin ich aber die einzige, die das aus Mangel an Erfahrung und bildhafter Begeisterungsfähigkeit so sieht.
Wir waten durch Heiden und Wollgräser. Vielleicht bin ich die einzige, die an Moorleichen und die richtige Körperhaltung im Sumpf denken muss. Ich bin auch die einizge, der das Wasser beim nächsten Schritt bis zum Hals stehen könnte.

Da ich davon ausgehen kann in diesen Landflächen nicht gefunden zu werden, frage ich mich, wie lange es dauern würde mich zu verstecken.
Es ist äußerst langwierig und kraftaufwendig Erinnerungen vorzubereiten. Wir machen ca. drei Bilder pro Augenblick.
Keine Geschichte bleibt für zwei Jungen beim fernsehen auf einer einsamen Farm.
Sicher bin ich die einzige, die sich gerade mit mir beschäftigt. Das ist mir etwas peinlich und ich hebe es mir für später auf. Ich tue ein bisschen lebendig. Das geht nicht lange gut. Die meisten nehmen an, ich tue klug. Wie kämpft man gegen so ein Vorurteil an.
Ich wäge zwischen Ignoranz und Arroganz ab und komme letztendlich selbst durcheinander.
Ich finde zunehmend Gefallen an negative capabilities. Wenn ich die zahlreichen Kindheitstraumata erst einmal verarbeitet habe, werde ich mich ihrer Weiterentwicklung widmen.
Und wieder ein Grund:
Dichter können auch im Schafsmagen Schönheit finden. Das muss gefeiert werden!
Nach deiner Nacht – Oh großer Poeten-Häuptling, Brei-Enthusiast und Besäufnisalibi – bleiben nur leere Flaschen und dreckige Töpfe. Lasst uns dankbar dafür sein, dass uns noch so viel zu sehen bleibt und wir es können.

violently happy

Sag, woher kommen diese eigenartigen Zusammenfälle? Kann ich davon ausgehen, dass es doch einen Ausgang gibt, aus dieser Inselation? Sag, steht das Land noch fest, in das ich keine zwei Mal steigen werde? Werden wir uns einfach austauschen können über diese fragwürdigen Neugierigkeiten?

Zu gerne nur würde ich wissen, wo die Akten bleiben. Ich meine nicht die Informationen von 25 Millionen Kindergeldempfängern oder 3 Millionen Fahrschülern oder Wehrdienstleistenden. Ich wundere mich, wo File Number 2783 und 4190 und 1597 bleiben, und all die anderen aus dem HMO Archiv des Edinburgh City Council, das man mir so selbstverständlich anvertraut, warum es 5744 gar nicht gibt, warum zwei Officers den selben Fall bearbeiten, ohne davon zu wissen. Und warum es nichts ausmacht und vorkommt, woher diese bewunderliche Freundlichkeit, als ob wir hier nicht bei Beamten sind?

Ich möchte wissen, wo die Sonne blieb, als das Morgengrauen am Neujahrstag entschied zu bleiben.
Vier Figuren schlenderten entlang der Strandpromenade. Es war windig und regnerisch, als wir uns gemeinsam der Selbstobservation widmeten. Keine Fischer weit und breit, aber die Möwen, und vergangene Jahre voller Geschichte, zu müde, um Gemeinsamkeiten zu verbergen.

„Vergiss nicht, dass es ein komischer Film ist“.

Tage später besteigen wir Calton Hill um Hogmanay nachzufeiern, unser eigenes. Dunklen Randgestalten säumen unseren Weg – und das um diese Uhrzeit und bei diesem Wetter. Wir sitzen unter griechischen Ruinen, die keine sind und bewundern Paris. Unsere Vorfahren sind nicht mehr durstig, nur der Baum hat immer noch keinen Namen. Auf einmal ist es nicht mehr kalt und windig und du bist schön, leicht und leuchtest. So richtig, ohne verlassen zu wollen und Erinnerung. Sag, ich fürchte und es macht nichts.

exercise

Im Hinterzimmer des Cafés saßen der ältere Herr mit der herzlich großen Unterlippe eines Genießers und eine jungere Frau am kleinen runden Tisch. Sie teilten sich ein Croissant. Der Milchschaum in den breiten Tassen war mit Kakaopulver bestreut. Das gräuliche Licht aus dem Fenster, an dem sie saßen fiel auf das ernste, etwas fahle Gesicht der stillen Frau. Der Herr saß zurückgeworfen auf die Lehne, den Bauch von sich gestreckt und redete vergnügt.

Der letzte Tag im Jahr sollte besonders werden. Ich hatte dich etwas zu lange angeschaut und zu wenig mit dir geredet.

Wir trafen uns am nächsten Tischchen. Du hattest einen wuchtigen Akzent und einen lebensfrohen Ausdruck. Euer Gespräch schien so anregend zu sein, das Frühstück so köstlich. Der Morgen so kostbar, dass ich bereit wäre, jeden hier zu verbringen, wenn du mir nur erklären würdest warum.

You look nice when you write.
What are you writing? A love letter?
Do you write love letters? Once a year?
Then write one to me. As an exercise. In capital letters, I will understand.
The first sentence is the most important one. It’s all about the first sentence.
She’s writing.
But it has to be with passion, it’s about passion!

Ich schrieb nicht:

ich wünschte mir zu wissen warum sie sich nicht umdreht und zum gehen drängt aber untergeben wartet warum sie so unglaublich traurig ist und ihre blauen augen im spiegel fast weinen warum du so stolz um dich schaust und mit allen nachbartischen gemütlich schäkerst und sie nicht einmal zum lachen bringen kannst nur ein fernes lächeln warum nicht du ihr die liebesbriefe schreibst und ob sie dir glaubt dass es um leidenschaft geht woher du kommst

Ich fragte nicht.

Ich vergaß zu übersetzen:

Mit dem ersten Satz in dieses Zimmer des letzten Tages sah ich die Welt am Tisch sitzen, dem einzigen am Fenster. Alles was in Dir gewesen ist, wünsche ich mir erfüllt.

spaltung

Jetzt erklären Sie mir doch mal bitte:

Wozu gibt es hier Küchen?
Was hat es mit den zwei Wasserhähnen auf sich und warum kann man sich anstelle des Arztbesuchs lebensgefährdende Schmerzpillen kaufen, aber nicht mal ein Bier nach zehn Uhr Abends? Warum folgt jeder Alkohol-Werbung “enjoy responsibly”, obwohl jeder weiß, dass so etwas hier nicht vorkommt?
Wurde hier, neben all den essenziellen Neuerungen, die Weigerung erfunden, Neues dazuzulernen?
Ist es purer Trotz?
Muss man jeden Augenblick lang die Andersartigkeit spüren?

Enjoy the difference – P. Lässt strahlend einen weiteren Schwall nationaler Mythen über sich ergehen.
M. entschuldigt sich stellvertretend für alle kriminellen Polen dieser Welt.

“When in Rome”, sagt der junge schottische Patriot und stürzt ein 0,568 Liter lauwarmes Bier hinunter.
Nein, es belebt unser Gespräch nicht, wenn erwähnt wird, dass die Frau vom Großcousin von X mit zwei Russen zusammenarbeitet oder die Mutter der Freundin von Z mal in Deutschland war und es “beautiful” fand. “During the war or so”
Ja, es ist heute kalt und windig und gestern war es kalt und windig und morgen wird es kalt und windig sein und das wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach in nächster Zeit nicht zo schnell ändern, warum also darüber reden?

Erklären Sie mir doch mal bitte:

Was heißt eigentlich “very German”?
Was genau ist an diesem Handtuch denn so ungarisch?
Was antworten auf:”What are Russian dogs like?”
Warum ist es so “obvious”, dass sich die kanadischste Person der Welt die kanadische Flagge aufs Schulterblatt tätowieren sollte?
“You know, because I’m travelling”
Und: “I didn’t think the Colosseum was that special”?

Müssen wir hier jedes Gespräch über Mentalitäten, Länder und Sprachen führen?

Wie ich nicht die gleiche Postkarte an mehrere Personen verschicken kann, sage ich jedes Mal etwas anderes zu diesem Thema.
Ich bin ganz durchmischt.

“I don’t care.”

I suffer from Borderline Nationality Disorder.

Deutlichster Beleg dafür, dass es so anders doch nicht ist.

at the end of the day

In aller Plötzlichkeit hatte ich gelernt zu geniessen.
Eines Nachts war die Straße übersät mit Geldscheinen und geschenkter Zeit.
Der frittierte Marsriegel zu Housemusik vom Live-DJ im Fish and Chip Shop schmeckte nach einer langen Reise.
Luca tauschte um halb vier sein Bier gegen Licht und zeigte uns ein Foto seiner wunderschön traurigen Frau, die vergeblich auf ihn wartete. Ein neuer Kollege las Lucas Geldbeutelinhalt vom Boden auf und beteuerte die Wichtigkeit von Dokumenten.

Wir hatten vereinbart alle Dinge beim vorletzten Mal zu belassen und schliefen die längste Stunde seit es Verpflichtungen gab.
Irgendwo tief in der schottischen Seele muss es warm sein, vor Trunkenheit. Wir haben schon wieder den Tag verpasst.
Ich habe gehört, man sollte lieber nach Jahreszeiten leben, als nach Wochenenden. Vor kurzem soll es Herbst gewesen sein.
Andys Mutter wusste schon bei der ersten Single von Wham, dass George Michael schwul ist:
„He could cheat the world, but he couldn’t cheat my mother“, sagt Andy, etwas traurig.
Sein Tanzstil habe ihm noch nie eine Freundin eingebracht.
Wenn es regnet, können wir uns alle unter Andys Bauch verkriechen, sagt Alex.
Rachel zündet ein Streichholz an, jedes mal wenn Alex furzt.
Gemeinsam warten wir auf den Kunststoff-Weihnachtsbaum, den Alex bei e-bay bestellt hat. Die Girlanden sind schon angekommen. Der batteriebetriebene Mini-Tannenbaum blinkt und dreht sich auf dem Küchentisch.
“Don’t worry about the decline”, waren die Abschiedsworte der Psychologin, die in einem der ältesten Pubs erzält hatte, dass man ab 24 langsam aber sicher alt wird.
Wir finden uns ab.