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Ich könnte ein Theaterstück schreiben.
Eine Tragödie, eventuell ein Musical, das wäre auch drin.
Es würde in Dachau spielen. In der Anfangsszene würden wir – zur Situierung – den Schatten eines Geigers sehen, auf der Kulisse eines Drahtzauns, vor himmelblauem Hintergrund.
Auf der leeren Bühne würden zwei Haufen Schottersteine liegen.
Dann träten drei Männer auf die Bühne. Zwei davon in Häftlingsanzügen, aus heutiger Sicht gestreiften Pyjamas, und einer in einem langen Mantel und Hakenkreuzband und nach hinten gegelten Haaren.
Es wäre ok, wenn die beiden KZ-Häftlinge durchträniert wären und blondierte Haare hätten – das verstärkt die Einbindung des Publikums. Einer sollte nur deutlich kleiner sein als der andere. Auf seinem Oberteil wäre ein gelbes Dreieck angenäht. Auf der Brust des anderen wäre der Davidsstern.
Beide würden zum Zentrum der Bühne marschieren und stramm stehen. Der SS-Kommandant würde gleich loslegen – zur Orientiertung. Wie wir das so aus Vietnamfilmen kennen.
Du, würde er schreien. Ja-wohl-Sir, würde der große zurückbrüllen. Der Kommandant würde ihm befehlen, die Steine von einem zum anderen Haufen zu schleppen, keine Pause zu machen, außer drei Minuten stillstehen, wenn die Sirenen ertönen, den anderen nicht anzuschauen und keinen Unsinn zu machen.
Ja-wohl-Sir, würde der Häftling brüllen. Du, würde der SS-Komandant schreien. Ja-wohl-Sir, würde der kleinere mit den blondierten Haaren krächzen. Dann würde der Kommandant seine Befehle noch einmal wiederholen.

Dann müsste der noch ein paar Mal “Du” und die Häftlinge “Jawohl” brüllen.
Er würde bekräftigen, dass die beiden beaufsichtigt werden. An die Arbeit, würde er brüllen (die Häftlinge: “Ja-Sir”) und von der Bühne gehen.

Die beiden würden jeweils anfangen die Steine von einem Haufen zum anderen zu schleppen und so zu tun, als seien die Schaumstoffrequisiten schwer und hart.
Trotz ausgiebiger Warnungen würden sie natürlich anfangen zu reden.
Der kleine wäre sehr unzufrieden. Er wollte diesen Job gar nicht, denn das einzige Ziel sei es, die beiden verrückt zu machen. Der größere versuchte ihn davon zu überzeugen, dass es der beste Job sei, den man im KZ kriegen kann. Auch abgesehen davon wäre der kleine auf den großen sauer und nach und nach erfahren wir, dass der große nur so tut als sei er Jude, wobei er – wie der Kleine – in Wirklichkeit wegen seiner Homosexualität inhaftiert wurde.
Er wollte diesen Job haben und ihn nicht alleine machen, deswegen hat er sich den kleinen dazuholen lassen.

Sie laufen also hin und her und tun so, als sähen sie sich nicht und unterhalten sich über ihre Baracken, Schlägereien, Selbstmorde, was es morgen zu Essen gibt, was man eben so redet.

Durch ein- und ausschalten der Beleuchtung würde dem Zuschauer deutchlich gemacht, dass die Zeit vergeht.
Nach und nach werden sich die beiden vertrauter. Sie laufen immer noch mit Steinen von Haufen zum Haufen. Dann wird es heiß und die beiden ziehen ihre Hemden aus.
Nun traut sich der Kleine und fragt, ob der andere manchmal “daran” denkt.
Dann ertönt die Sirene und sie müssen drei Minuten lang nebeneinander still stehen.
Die Dramaturgie erfordert nun, dass die drei Minutren nicht bloß drei, sondern ruhig gute zehn Minuten in Echtzeit dauern können.
Die beiden Insassen machen sich gegenseitig Komplimente hinsichtlich ihrer Körper, die sie offensichtlich aus den Augenwinkeln erspannen.
Dann machen sie Liebe. Im übertragenen, also versprachlichtem Sinne.
Wie das eben so geht, als KZ-Häftling, auf einer Theaterbühne.

Nun hat sich also die Dramatik vertrieft und der kleine hat sich in den größeren wirklich verliebt.
Er sagt Dinge wie :”Jetzt weiß ich, sie können mich nicht umbringen, denn ich trage die LIebe zu dir in mir”,
und der größere muss sagen: “Nein, du darfst mich nicht lieben, ich bin ein schrecklicher Mensch, ich liebe niemanden”,
worauf der kleine sagen wird:”Warum leugnest du das? Wir lieben uns doch!”,
und der größere wird dann voller Bitternis bekennen, dass alle, die er liebt wegen ihm umkommen.
Und der kleine wird ihm Vorwürfe machen, dass er nicht mutig genug sei, zu seiner Identität zu stehen und sein Dreieck zu tragen, statt des bloßen Davidssterns.
Und er wird in die Menge hineinrufen:”Was ist daran falsch, dass wir uns lieben?!”, sodass die Menge plötzlich auf diesen Missstand aufmerksam gemacht und nachdenklich wird.

Selbstverständlich tragen die Liebenden immernoch die Steine von Haufen zu Haufen und die Zeit vergeht, bis der Herbst kommt und der kleinere krank wird.
Obwohl der größere versucht keine Gefühle zu zeigen, ist er besorgt.
“Du hast abgenommen”, wird er sagen.
Dann wird er ihm Medikamente und Fisch zum Mittagessen versprechen.
Der kleinere ist nun müde vom KZ und will nach Hause.
Sie sprechen über die Berliner Gesellschaften und Clubs, wo sie früher verkehrt haben. Beide sind gerne an der Spree geschwommen.
Dann kommt der Kommandant und kriegt heraus, dass die beiden sich wohl doch besser kennen, als sie dürften. Zumindest gedanklich.
Und kurz bevor die Zuschauer vor Anspannung platzen, erschießt der SS-Mann den kleineren und der größere muss die Leiche entsorgen.

Alleine gelassen mit dem Toten, nimmt der größere ihn erst einmal auf die Arme, schreit, weint und brüllt:
“Ich liebe dich doch!”
und:
“Was ist daran falsch?”
ins Publikum, das spätestens jetzt zutiefst erschüttert wird.
Dann lässt er ihn zu Boden sinken und schleift ihn mühselig über die ganze Bühne. Als Abschlusgeste zieht der größere die Jacke des kleineren mit dem goldenen Dreieck auf der Brust an – als Bekenntnis – und stürzt sich auf den Drahtzaun.
Der Vorhang fällt.
Das Publikum applaudiert betreten.
Ja, so etwas hätte ich schreiben können.
Tatsächlich wurde so etwas schon geschrieben.
Und das schon in den fünfziger Jahren.
Ich habe es mit eigenen Augen gesehen.

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