revival

Wie über jedes Leben mit Massenkultstatus ist auch über das von Josef Stalin wenig bekannt. Wie jede Persönlichkeit seines Außmaßes ist auch Stalin nicht wirklich tot.

“Was geschah in dieser verhängnisvollen Nacht des 1. März 1953 tatsächlich?”, schreit der russische TV-Moderator etwas zu hysterisch, um bei seinen Zuschauern noch Spannung zu erzeugen.

Josef Wissarionowitsch wartet die Fortstzung nach der Werbepause nicht ab, unterbricht das “Schalom, Liebe Freunde”-Lied einer Konzertankündigung in Brighton Beach und schaltet auf eine russische Krimiserie.

“Wirst du auf mich hören?”, fragt er und richtet mir seinen Massagestuhl ein. Ich soll mich hineinsetzen. Der vorige sei besser, sein Enkel habe ihn kapputt gemacht, wie alles, was er anfasse.

Steif auf dem Sessel sitzend warte ich das Ende des Massageprogramms ab. Josef Wissarionowitsch spät vorgebeugt in den Ferneher hinein und drückt seine Fingerhantel.

Ein schlechter russischer Schauspieler täuscht betrunkene Verruchtheit vor. Wir erfahren: er macht gerade Business. 

“Waren das Drogen?”, fragt mich Josef Wissarionowitsch. “Was er sich da in die Tasche gekippt hat. Sah aus wie Drogen.”

Abgesehen davon, dass ich es ehrlich nicht weiß, schüttle ich vehement den Kopf. Josef Wissarionowitsch ist etwas taub. Trotz voller Lautstärke und des Geräts im Ohr hört er immer diesen Lärm und vertseht schlecht. 

Der einstige Schuster ist jetzt Renter. Er würde noch arbeiten, aber nur, wenn man ihn abholt und hinfbringt. Außerhalb von Forest Hills, seines Stadteils in Queens, kennt er sich nicht aus. Wenn sein Enkel am Wochenende zu Besuch kommt, gehen sie zusammen raus – “nach Amerika”, oder “Schopping-Popping”.

Jeden morgen werden die Dschugaschwillis zur Altengymnastik abgeholt. “Kindergarten für Alte”, grummelt Josef Wissarionowitsch.

“Kindergarten für Alte”, blökt seine Frau wenige Tage später in der Küche, während sie sich Sprudelwasser aufkocht. Die kleine, ruhelose Frau mit der Traurigkeit des gesamten weiblichen Geschlechts in den Augen rumort tagelang stöhnend und murmelnd in der Küche, taut Fleischblöcke auf, brät, wischt. Am Freitag früher als sonst — zum Schabbatessen kommen die Kinder. Wie es sich gehört, ist sie die Hüterin des Hauses.

Sie ist nicht Joseph Wissarionowitschs erste Frau, aber darüber wird nicht geredet.

Die Dschugaschwilis sind vor etwa zehn Jahren mithilfe Verwandter in die USA immigriert. Frau Dschugaschwilli wird ganz wehmütig, wenn sie an ihr altes Haus mit Garten denkt. Ein neues Leben in vertrauter Umgebung. Zu ihrer Hochhaussiedlung führt eine Prachtstraße russischer, kaukasischer — vor allem koscherer Geschäfte.

Vor wenigen Wochen bin ich zu den Dschugaschwilis gezogen.

Am Abend meines Einzugs betrat ich erstmals das große, surrende und knarzende Wohnzimmer, das in seiner Tiefe zirpenden Kanarienvögeln verbarg. 

Wie es sich für jede Familie aus der ehemaligen Sowjetunion gehört, ist das Wohnzimmer mit einer prunkvollen, schwarz lackierten Schrankvitrine ausgestattet. Böden und Wände sind mit Perserteppichen bedeckt. Über dem Tisch hängt ein kollosal italienisch anmutendes Bild: eine Musikergruppe mit Früchten, Karaffen, Mandolinen und einer Magd im Vordergrund, die von einem Trubadour schalkhaft umfasst wird. Oder so. 

“Weißt du wo seine Hand ist?”, fragt mich der Schwiegersohn am Schabbatabend. “Nach dem Essen sag’ ich es dir.” 

Ich versuche möglichst höflich Wein, Vodka und Verkupplung mit einem Verwandten abzulehnen. 

Die Frauen haben Tee gemacht. Der Jüngste hat Papas Tasse auf seine Hose geleert und quietscht entsetzt zu der russischen Hitparade im Hintergrund. 

“Geschieht ihm recht. Schade, dass nicht mehr drin war”, sagt das Familienoberhaupt. Er trägt heute die bestickte Kopfbedeckung seines Bergvolkes. 

“Bring ihn weg vom Tisch. Ich hab es satt. immer dasselbe.” 

Der Schwiegersohn versucht seinen Nachwuchs zu vertreidigen. 

“Nicht seine Schuld…es ist nicht seine Schuld – der Vater ist schuld.”

Wenn es ernst wird, wechselt die Familie die Sprache und wird für die Mehrheit der Weltbevölkerung unverständlich.

“Hier iss. Schäm dich nicht”, befiehlt er mir und deutet auf den Berg Teigtaschen. 

“Hier iss”, befiehlt er seiner Frau und deutet auf den Teller vor ihr. Sie weigert sich: “Das ist Ihrer, Sie haben schon davon gegessen”, erklärt sie ihm.

Um halb elf haben sich die Nachkommen nach und nach verabschiedet. Der Abwasch ist gemacht, der Geruch unzählicher Schmorgerichte schwebt wie Nachtnebel über dem Dreizimmerapartment 11P. Josef Wissarionowitsch macht sich bettfertig. Zum ausklingendem Fernseher schlüpft er unter die Decke der Wohnzimmercouch, während seine Frau sich in ihrem Zimmer vergräbt. Josef Wissarionowitsch ist milder geworden, in Amerika. Wie auch sein Vodka.

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